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Stationen im Leben von Walter Serner:

Schriftsteller, Dadaist, Pazifist, Lebenskünstler, Reisender

 

15.01.1889      

Walter (Eduard) Seligmann wird als zweites Kind von Berthold und Emilie Seligmann im Haus Edelweiß in Karlsbad/Böhmen (heute Karlovy Vary/Tschechien) geboren; sein Vater gibt mit dem Bruder Julius Seligmann die in der Familiendruckerei hergestellte Karlsbader Zeitung heraus; er hat drei Geschwister, von denen zwei schon vor 1914 in die USA ausgereist sein sollen (jüngere Schwester heiratet in New York); der jüngere Bruder Lothar Seligmann (18.02.1905 - 19.11.1928) übernimmt später die Seligmannsche Druckerei.

1900 - 1908

Besuch des staatlichen Gymnasiums in Karlsbad

1908

W.S. fällt durch die Reifeprüfung

18.02.1909

Bestehen der Reifeprüfung am Deutschen Staatsgymnasium in Kaaden

Mai/Juni 1909

W.S. tritt zum katholischen Glauben über und nimmt den Familiennamen "Serner" an

13.5. - 09.07.1909

W.S. ist gemeldet in Wien, 9. Bezirk, Garnisongasse 18/3/19, abgemeldet nach "unbekannt" (zuvor gemeldet im 9. Bezirk, Universitätsgasse 4) 

13.06.1909

Erster Artikel von W.S. erscheint in der Karlsbader Zeitung (Ratschläge für Maturanden); es folgen zwischen 1909 und 1911 eine ganze Reihe (18) weiterer Artikel zu Themen der Kunst und Kultur für die Karlsbader Zeitung, insb. 10 mal der sog. "Wiener Kunstbrief" 

30.06.1909

Immatrikulation an der Universität Wien als "ordentlicher Rechtshörer"

14.10.1910

W.S. besteht zu Beginn des 4. Semesters die rechtshistorische Staatsprüfung

 01.07.1911 - 15.08.1911

 W.S. organisiert im Karlsbader "Café Park Schönbrunn" eine Einzelausstellung für Oskar Kokoschka (erst die 2. des Künstlers)

06.09.1911 - 01.11.1911

W.S. ist gemeldet in Wien, 9. Bezirk, Harmoniegasse 4/2 11/12, abgemeldet nach Berlin 

Januar 1912

W.S. wohnt in Berlin, Augsburgerstraße 48 (heute andere Zählung = Nr. 21)

12.01.1912

W.S. schreibt an die Juristische Fakultät der Universität Greifswald und interessiert sich nach Bestehen der ersten Staatsprüfung (römisches Recht, Kirchenrecht, deutsches Recht) in Wien für eine Promotion in Greifswald

 09.04.1912

        Exmatrikulation in Wien

Ostern 1912

Immatrikulation an der Juristischen Fakultät der Universität Greifswald; Serner wohnt in der Bahnhofstraße 59 und belegt die Fächer Römisches Recht, Zivilprozess II (beides bei seinem Doktorvater Pescatore), Kolonialrecht und Psychiatrische Fälle

05.12.1912

Der erste Artikel Serners in der berühmten expressionistischen Wochenzeitschrift von Franz Pfemfert "Die Aktion" erscheint (Titel: Die neue Sezession"); es folgen bis zum 21.11.1914 acht weitere Artikel zu Themen der Kunst und Kultur

26.07.1912

W.S. reicht seine Dissertationsschrift "Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch für das Deutsche Reich" nebst zwei Textarbeiten (Exegesen zur Auslegung § 110 StGB und § 304 BGB) ein; die Dissertation ist in weiten Teilen unter leichten sprachlichen Veränderungen abgeschrieben, und zwar von der 1909 in Leipzig erschienen Dissertation des späteren Dresdener OLG-Richter Arwed Rüling "Die Haftung des Schenkers für Mängel im Rechte und für Mängel der verschenkten Sache nach dem bürgerlichen Gesetzbuch" (Serners Arbeit übernimmt nicht nur überwiegend Aufbau, Überschriften und Fußnoten, sondern auch große Teile des Textes); im Literaturverzeichnis wird Rülings Arbeit nicht erwähnt. W.S. erklärt schriftlich der Wahrheit zuwider: „Ich versichere hiermit an Eides statt, dass ich die als Dissertation eingelieferte Arbeit und die beiden Exegesen selbstständig angefertigt und mich keiner anderen als der angegebenen Hilfsmittel bedient habe.“ und begeht damit wohl eine Straftat nach § 156 RStGB, die erst nach 5 Jahren verjährt; die Dissertation wird mit "diligentiae specimen laudibile" bewertet

 05.08.1912

Mündliche Doktorprüfung:  Römisches Recht: sehr schwach; Strafrecht, Prozess: ungenügend; Handelsrecht: nicht genügend; W.S. ist durchgefallen

20.05.1913

2. mündliche Prüfung in Greifswald, Serner besteht mit "rite"; Serner wohnt inzwischen in Berlin, Winterfeldtstraße 32 "p.Q. Partefie" (?)

12.07.1913

Nach Veröffentlichung seiner Dissertation im Berliner Verlag Emil Ebering erhält Serner die Promotionsurkunde und darf fortan den Titel eines Dr. jur. führen

Oktober 1913

Aufenthalt in Paris, Serner schreibt das Vorwort zur Neuausgabe einer deutschen Übersetzung von Parent-Duchatelets Standardwerk zur Prostitution in Paris von 1836. Dieses Werk erscheint 1913 unter dem Titel „Die Sittenverderbnis und Prostitution des weiblichen Geschlechts in Paris unter Napoleon I.“ in dem Berliner Verlag für Sexualwissenschaften und -Literatur Dr. Potthof & Co.; im Vorspann wird das Werk angekündigt „Aus dem Französischen des Parent-Duchatelet Durchgesehen von Dr. Walter Serner“, der im Vorwort schreibt: „Bei der Übersetzung des Werks, das in einem heute veralteten Französisch geschrieben ist, musste sonderlich darauf geachtet werden, … den antiquierten Stilcharakter möglichst wortgetreu nachzuahmen; denn es war nicht aus einem alten Buch ein neues zu machen, vielmehr aus einem neuen ein altes.“ Tatsächlich hat Serner keine Zeile des Buchs selbst übersetzt, sondern wie in seiner Dissertation nur ein bereits vorhandenes Werk gekürzt und sprachlich leicht verändert, nämlich eine bereits 1837 in Leipzig erschienene deutsche Gesamtübersetzung von Dr. G. W. Becker. Ein Hinweis darauf findet sich bei Serners Ausgabe nirgends

Dezember 1914

Sener stellt dem befreundeten Schriftsteller Franz Jung, der sich von seiner Truppeneinheit unerlaubt entfernt hält, ein scheinbar ärztliches Attest unter zweideutiger Verwendung seines Doktortitels aus, um Jung die Flucht zu ermöglichen, was zunächst auch gelingt; daraufhin ermittelt die Berliner Kriminalpolizei gegen Jungs Ehefrau und Serner

06.01.1915

Serner wird von der Berliner Kriminalpolizei als Beschuldigter wegen des Verdachts der Beihilfe zu Jungs Flucht vernommen; er wohnt in Berlin Wilmersdorf, Wilhelmsaue 152

11.02.1915

Um seiner drohenden Verhaftung in Berlin zu entgehen (Jungs Frau wurde am 2.2.1915 in dieser Sache in München verhaftet) setzt sich Serner in die Schweiz ab und meldet sich in Zürich, Stapfergasse 1 (bei Hefti) als Zuzug von Berlin an

26.04.1915

Serner gibt die dritte und letzte Nummer der von Hugo Kesten und Emil Szittya gegründeten "literarischen Kriegszeitung" Der Mistral heraus

Sommer 1915

Serner lernt den Maler Chrstian Schad kennen, der für die nächsten 12 Jahre sein engster Freund wird

01.10.1915

Die erste Nummer der von Serner gegründeten "Monatszeitschrift für Literatur und Kunst" Sirius erscheint; in den bis zum 1. 5. 1916 erschienen acht Ausgaben schreiben neben Serner u.a. Theodor Däubler, Max Herrmann-Neisse, Elke Lasker-Schüler; Illustrationen liefern u.a. Hans Arp, Max Kubin, Pablo Picasso und vor allen Dingen Christian Schad, der auch ein Plakat entwirft; zudem bringt der "Sirius-Verlag" im November 1915 eine "Schad-Mappe" mit Holzschnitten des Künstlers heraus

1915 - 1917

Aufenthalt in der Schweiz (vor allen Dingen Zürich und Genf, wo Christian Schad seit Ende 1916 lebt und arbeitet); Arbeit an der Zeitschrift Sirius (bis Mai 1916); Serners engste namentlich bekannte Freundinnen in dieser Zeit sind die Russin Angela Hubermann und anschließend die unter dem Namen "Marietta" bekannte Münchner Künstlerin Marie Kirndörfer 

Ende 1917

Serner schließt sich dem Kreis der (zuvor von ihm noch im Sirius kritisierten) Züricher Dadaisten um Tristan Tzara an und wird neben Tzara bald zum wichtigsten Theoretiker, Propagandisten und Organisator des Dadaismus

März 1918

Serner beendet in Lugano die Niederschrift seines Dada-Manifestes "Letzte Lockerung", von dem Vorstufen bereits in den Zeitschriften Mistral und Sirius erschienen waren; die ersten Auszüge des Manifestes werden im Mai 1919 in der Zeitschrift Dada 4/5 und im November1919 in der von Otto Flake, Tzara und Serner herausgegebenen Dadaisten-Zeitschrift "Der Zeltweg" veröffentlicht; Tzara soll sich für sein eigenes dadaistisches Manifest ungehemmt bei Serners Text bedinet haben

1918/1919

Intensiver Kontakt mit Tristan Tzara; zahlreiche Dada-Aktivitäten in Zürich und Genf; Serner wird denunuziert und von der Zürcher Polizei verdächtigt, ein bolschewistischer Agent zu sein; die Schweizerische Bundesanwaltschaft erwirkt eine Postbeschlagnahme; Serner verlässt am 26.9.1919 Zürich und siedelt endgültig nach Genf über

Anfang1920

Serner kommt in Kontakt mit dem neuen, auf Dada spezialisierten Hannoveraner Paul Steegemann Verlag und überlässt diesem zwei Manuskripte: die "Letzte Lockerung" und in den Jahren 1915 bis 1919 verfasste Kurzgeschichten, die er unter dem Titel "Zum blauen Affen" zusammengestellt hat

Februar bis April 1920

Dada-Aktivitäten in Genf: in der Galerie von Pierre Néri veranstaltet Serner einen "Salon Dada", in dem Ausstellungen von Christian Schad und Gustave Bouchet sowie von Francis Picabia und Georges Ribemont-Dessaignes gezeigt werden; im März 1920 wird der "Grand Bal Dada" veranstaltet; im März 1920 kehrt Schad nach Deutschland zurück; Serner ist in Genf zunehmend isoliert

Sommer 1920

Als Serners erste eigenständige literarische Buchveröffentlichung erscheint im Paul Steegemann Verlag Hannover als 62.-64. Band der "radikalen Bücherreihe" Die Silbergäule das dadaistische Manifest "Letzte Lockerung", das Anton von Hoboken gewidmet ist (späterer Freund von Marietta; vielleicht einer von Serners Förderern) 

Oktober 1920

Serner trifft in Paris ein, wo Tristan Tzaras "Mouvement Dada" bereits seit mehreren Monaten neue Erfolge feiert; Serner besucht Christian Schad in Neapel; im November 1920 überwirft sich Serner mit Tzara und zieht sich von der Dada-Bewegung zurück

Dezember 1920/Anfang 1921

Im Verlag Paul Steegemann/Hannover erscheint als zweites Buch Serners eine Sammlung von 33 Kurzgeschichten unter dem Titel "Zum blauen Affen. 33 hanebüchene Geschichten" in einer Auflage von 1.000 Stück (Die Silbergäule Nr. 91-98); es ist gewidmet "Marietta! Marietta!! Marietta!!!"; das Buch erregt Aufsehen, wird positiv besprochen und ist nach kurzer Zeit vergriffen, so dass 1923 bereits die 2. Auflage (2. bis 6. Tausend) erscheint

Februar 1921

Serner verlässt Paris und fährt nach Neapel zu Schad; im April bricht er von dort nach Deutschland auf, wo er sechs Jahre nicht war; etwas später trifft er in Frankfurt/Main Schad, fährt nach Hannover zu Paul Steegemann und dann weiter nach Berlin; 1921 schreibt Serner auch seine erst 1925 veröffentlichte Novelle "Die Tigerin" 

Februar 1922

Serner verbringt mehrere Wochen in Dresden und kommt später nach München, wo er Christian Schad trifft; beide machen Urlaub am Tegernsee; anschließend bricht Serner zu Reisen durch Europa auf

August 1922

Serner liefert bei Steegemann ein Manuskript mit weiteren kurzen Kriminalgeschichten ("Der elfte Finger") ab

Frühjahr 1923

Bei Paul Steegemann erscheinen in der beginnenden Inflationszeit 25 Kriminalgeschichten unter dem Titel "Der elfte Finger" sowie die 2. Auflage des Buchs "Zum blauen Affen", beide mit Umschlägen von Touluse-Lautrec und jeweils in einer (angegebenen) Auflage von 5.000; das Presseecho ist zurückhaltend, der Absatz ist gering (noch 1933 hat Steegemann Vorräte in Höhe von jeweils ca. 3.000 Bänden von beiden Auflagen; ein Teil der Auflagen wird 1927 aufgebunden in rotem Leinen und als Neuausgabe, auch im Rahmen einer Kassette, verkauft)

1923

Serner ist - wie 1922 - viel unterwegs; vom 10.3. bis 23.3. ist er in Wien gemeldet (Pension Vienna, Frankengasse 6) und meldet sich nach Frankfurt/Main ab, das er als ordentlicher Wohnsitz angibt; seit April ist er wieder in Paris und wohnt im Hotel de la Paix in der Rue Lécluse; Kontakte zu Francis Picabia; im Juli ist Serner in Österreich (Innsbruck)

1924

Im Adressbuch von Karlsbad ist Serner unter Villa Johore, Richard-Wagner-Str. 26, verzeichnet; Serner trennt sich von seinem Verleger Paul Steegemann und wechselt zum 1923 gegründeten Berliner Verlag Elena Gottschalk, einem linksorientierten Verlag, der sich der "jungen Dichtung" annimmt (etwa Otto Flake, Myona, Walter Mehring); im November 1924 schreibt Serner aus Florenz an Picabia

Anfang 1925

Im Berliner Elena Gottschalk Verlag erscheinen in einer Auflage von jeweils 3.000 und mit Umschlagzeichnungen von Hans Bellmer die beiden Bücher "Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte" und "Der Pfiff um die Ecke. Zweiundzwanzig Spitzel- und Detektivgeschichten", letzteres als 4. Band der Reihe "Die tollen Bücher", gewidmet der späteren Frau Serners "Dorothée" (wohl Dorothea) Herz (geb. 18.1.1889 in Berlin, geschiedene Stahl; Eltern: Max Meyer Herz, Kaufmann, Betty Herz, geb. Ascher), einer - nach Auskunft Schads - sympathischen und gut aussehenden Berliner, die Serner seit Mitte der 20er Jahre auf seinen Reisen begleitet

1925

Beide neuen Veröffentlichungen finden ein positives Presseecho und verkaufen sich gut (bis Mai 1927 über 2/3 der jeweiligen Auflage); die "Tollen Bücher" werden allerdings in Teilen Deutschlands wegen Gefährdung der Sittlichkeit vorübergehend beschlagnahmt; der Elena Gottschalk Verlag muss Konkurs anmelden; Serner hält sich u. a. (wohl) in Zürich, Barcelona und Berlin auf (am 12.2.1925 wird ihm in Zürich ein tschechischer Pass ausgestellt, am 10.3.1925 lädt der Verein der Freunde und Förderer des Gottschalk Verlages zu einer "Tollen Nacht" ein, in der auch "Walter Serner (Barcelona)" auftreten soll)

06.04.1925

Serners Vater stirbt in Karlsbad, der jüngere Bruder Lothar übernimmt die Druckerei

10.05.1925

Im Prager Tageblatt erscheint ein (später verhängnisvoller) lobender Artikel über Serner von Theodor Lessing "Der Maupassant der Kriminalistik". Dort wird als Auskunft des Verlegers Paul Steegemann u. a. über Serner zitiert: "Seine Adresse werden sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehrjahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer öffentlicher Häuser in Argentinien. " Nichts davon ist wahr, sondern alles von Steegemann frei erfunden, der schon früher für Serners Werke mit dem Begriff "Hochstapler" geworden hat (etwa für die "Letzte Lockerung" als "Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden sollen); diese Mitteilung prägt die Serner-Wahrnehmung der nächsten Jahre; kurze Zeit später erscheint zwar Serners korrigierende (weitgehend unbeachtete) Selbstdarstellung "Ich...", aber die deutschnationale Presse hetzt unter Hinweis auf Lessings Artikel unverhohlen antisemitisch gegen Lessing und Serner

08.07.1925

Im "Völkischen Beobachter" erscheint der Hetz-Artikel des NS-Chef-Ideologen Alfred Rosenberg "Professor und Mädchenhändler. Professor Lessing als Bewunderer eines Bordellpoeten", in dem die Mitteilung des Verlegers Steegemann über Serners Lebenswandel im Wortlaut zitiert wird und in dem es u.a. heißt: " Leben heißt dem Juden: Moder schaffen und als Wurm in ihm wirken"; so wird der Grundstein der späteren Ermordung von Theodor Lessing gelegt (er wurde von nationalsozialistischen Attentätern am 30.8.1933 in Marienbad/Tschechien niedergeschossen und gilt als erstes Opfer des Nationalsozialismus auf tschechischem Boden)

03.06.1926

Serner trifft aus Lyon kommend in Montreux ein, wo er im Hotel de la Paix absteigt und die Niederschrift des weiteren Erzählungsbandes "Die tückische Straße" beendet; mit sich führt er das Manuskript des Theaterstücks "Posada"

Herbst/Winter 1926

Ende September 1926 reist Serner nach Basel und von dort nach Wien, wo er sich am 12.10. in der Pension Fischer (Garnisonsgasse 3) anmeldet; dort hatte er bereits 1909 gewohnt, als ordentlichen Wohnsitz gibt er Karlsbad an; in Wien leitet Serner auf eigene Faust den Privatdruck seiner beiden Texte "Posada oder Der grosse Coup im Hotel Ritz" und "Die tückische Straße. 19 Kriminal-Geschichten" ein, inseriert wird die Neuerscheinung Anfang Dezember im Karlsbader Tagblatt, der Vertreib erfolgt über ein Postfach in Bern mit dem Stempel "Dezember Verlag Wien"; am 22.10. meldet sich Serner aus Wien ab und hält sich am 22.12 in Bern auf

06.03.1927

Serners Theaterstück "Posada" wird in Berlin im Neuen Theater am Zoo uraufgeführt, inszeniert von der Theatergruppe "Junge Generation" unter der Leitung von Jo Lherman. Die Nachmittagsvorstellung wird von der Presse einmütig verrissen; nach Verlagswerbung von Steegemann (der nicht immer zu trauen ist),soll die Polizeibehörde gegen die Absicht einer Wiederholung der Aufführung Einspruch erhoben haben

Frühjahr/Sommer1927

Am 17.2. trifft Serner aus Wien kommend in Bern ein, wo er bis zum 4.4. wohnt (Abmeldung nach Genf); im Mai schließt er einen neuen Vertrag mit dem Verleger Paul Steegemann, der nach Berlin umgezogen ist; sämtliche Bücher Serners sollen in einheitlicher Ausstattung neuediert werden; Steegemann übernimmt die Restauflagen von Serners Werken beim Gottschalk Verlag; die Privatdrucke Serners im "Wiener Dezember Verlag" werden eingesammelt und eingestampft

Herbst/Winter 1927

Am 19.8. wohnt Serner in Genf in der Pension Schmidt (Boulevard Georges Favon 29) und beendet in diesem Monat die Niederschrift seines um einen komplett neuen zweiten Teil erheblich erweiterten Werks "Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden sollen", zudem überarbeitet er Posada; Christian Schad entwirft Umschläge für alle nunmehr vorliegenden 7 Bücher von Serner, die in einheitlicher Gestaltung in rotes Leinen gebunden Ende 1927/Anfang 1928 herauskommen und sowohl einzeln als auch als Kassette angeboten werden; Neuausgaben sind die "Letzte Lockerung", "Posada" und die "Tückische Straße", während es sich bei  "Die Tigerin", "Der Pfiff um die Ecke", "Der blaue Affe" und "Der elfte Finger"  um neu aufgebundene Exemplare der noch vorhandenen Restauflagen handelt; die Auflage ist mit 3.000 angegeben, vermutlich aber weit geringer; vermutlich erhält allenfalls (wenn überhaupt) nur ein kleiner Teil der Auflage den von Christian Schad gestalteten Schutzumschlag (teils sind Schads Bilder auch nach dem Titelblatt als "Titelzeichnung" eingebunden); die Neuausgabe wird von umfangreicher Werbung begleitet

1928

Zahlreiche, meist positive Besprechungen erscheinen, nachdem viele Rezensionsexemplare der Kassette verschickt wurden; Serner wird erstmals in "Kürschners Deutschem Literaturkalender" verzeichnet; Aufenthalt in Genf am 25.5.; in einem Brief aus Genf (Pension Schmidt, Boulevard Georges Favon 29) vom 31.7. an den Verleger Steegemann teilt Serner mit, dass er an einem neuen Buch arbeitet (es soll sich um einen Roman über einen internationalen Herrenschneider handeln); am 28.9. meldet sich Serner von Genf nach München ab

1929/1930

Serner wird in diverse Nachschlagewerke aufgenommen; Rezensionen erscheinen nur noch vereinzelt; am 22.3.1929 kommt er von Locarno nach Zürich und wohnt dort etwa einen Monat in der Florastraße 8 zur Untermiete (Abmeldung nach Österreich); seit dem 13.9.1929 ist Serner in Prag unter der Adresse  Korunni 20/859 gemeldet; am 13.1.1930 trifft er aus Marienbad kommend wieder in Prag ein; am 2.8.1930 meldet er sich nach Karlsbad ab; am 19.8.1930 übernachtet Serner in Wien in der Pension Esperanto und reist von dort mit unbekanntem Ziel am 29.8. wieder ab

15.04.1931

Serner widmet unter diesem Datum Grete Reinwald ein  Exemplar des "Posada": "Grete Reinwald. Sie haben mich einen Abend lang sehr entzückt. Hier zum Dank dieses Stück, das in Berlin grossen Erfolg gehabt hat - in anderen Stücken. Mit herzlichem Gruß. Walter Serner. 15. April 1931" (letzte bekannte  Äußerung Serners außerhalb amtlicher Dokumente)

05.09.1931

Das Landesjugendamt der Rheinprovinz stellt den Antrag, das Buch "Die Tigerin" in die Liste der Schund- und Schmutzschriften aufzunehmen; nach Stellungnahmen von Alfred Döblin, Kasimir Edelschmid, Max Herrmann-Neisse und Manfred Georg wird der Antrag abgelehnt

1931/1932

Die Honorare des Steegemann Verlages werden Serner zunächst nach Barcelona und dann bis Mitte 1932 nach Genf überwiesen; seine Anlaufadresse für den Verlag ist das Elternhaus Villa Johore in Karlsbad

22.01.1933

Antrag des Landesjugendamts München (auf Anregung der dortigen Polizeidirektion), alle noch lieferbaren Bücher Serners auf den Index zu setzen; nach der Auskunft des Verlegers Steegemann sind noch folgende Auflagenreste vorhanden: Der blaue Affe: 2.918; Der elfte Finger: 2.802; Die tückische Straße: 2.326; Der Pfiff um die Ecke: 76; Posada: 2.618. 

1933

Dem Antrag auf Indizierung wird am 25.4. stattgegeben, im Dezember werden die vier Erzählungsbände durch die "Deutsche Zentralstelle zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder, Schriften und Inserate beschlagnahmt und mutmaßlich vernichtet; Serner Bücher werden auch im Rahmen der von den Nationalsozialisten organisierten Bücherverbrennungen verbrannt; Serner hält sich vom 8.3. bis 10.4. in Zürich auf und wohnt dort zur Untermiete in der Florastraße 8 (Abmeldung nach Österreich); bald darauf ist er in Prag, wo er Heinrich Fischer trifft, einen früheren Schulkameraden und Nachbarn (es handelt sich um die letzte überlieferte Begegnung)

08.10.1937

 Serner meldet sich im Hotel Belvedere (Landstrasser Gürtel 2) in Wien an, als ordentlicher Wohnsitz wird Barcelona angegeben (Abreise am 9.10.1937 nach unbekannt)

05.02.1938

Serner heiratet seine langjährige Lebensgefährtin Dorothea Herz

02.09.1938

Anmeldung in Prag unter der Adresse Revolucni 33 (bei Frau Hofer)

 11.01.1939

Serner bezieht (wohl mit seiner Frau) in Prag eine Wohnung in der Kolkovne (Leimergasse) 5/920, die er bis zuletzt bewohnt

21.03.1939

Knapp eine Woche nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag (15.3.1939) beantragt Serner ein Leumundszeugnis zwecks Auswanderung

04.04.1939

Serner erhält das beantragte Leumundszeugnis, das ihm bescheinigt, dass während seines Aufenthalts nichts Strafbares über ihn bekannt geworden ist, zwecks Erteilung eines Visums für das Ausland (dieses Visum selbst hat er wohl nie erhalten)

Frühjahr/Sommer 1939

Anfragen des Prager Landratsamts betreffend Serners Staatsangehörigkeit; unter dem 2.10.1939 wird vermerkt, dass er außerstande sei, eine amtliche Bestätigung über seine Nationalität für die Zeit von 1920 bis 1930 vorzulegen, nach eigenen Angaben habe er in dieser Zeit in Wien gewohnt

13.04.1940

Walter und Dorothea Serner beantragen ein Leumundszeugnis zwecks "Auswanderung nach Shanghai", das Walter Serner am 19.12.1940 erteilt wird (tatsächlich besteht insoweit keine Chance auf Auswanderung)

10.08.1942

Walter und Dorothea Serner werden mit dem Transport Ba (Nr. 253 und 1338) nach Theresienstadt deportiert; sie müssen sich drei bis vier Tage zuvor mit höchstens 20 kg Gepäck im Sammellager "Radiomarkt" auf dem Gelände der Prager Mustermesse einfinden; von dort geht es am Morgen des 20.8. zu Fuß zum Bahnhof Prag-Bubna (Bubny), wo der Zug nach Theresienstadt abfährt; der Zug fährt bis zur Bahnstation Thereienstadt/Bauschowitz; von hier aus müssen die Deportierten 2,5 km mit ihrem Gepäck unter strenger Bewachung zu Fuß zum Lager Theresienstadt laufen

20.08.1942

Walter und Dorothea Serner werden mit 998 weiteren Betroffenen von Theresienstadt mit dem Transport Bb (N.r 803 und 804) nach Riga transportiert

wohl 23.08.1942

Nach Ankunft des Zuges in Riga werden die Deportierten mit Bussen in den Wald von Biķernieki bei Riga gefahren; dort sind bereits große Sandgruben ausgehoben; Walter und Dorothea Serner werden wie alle übrigen Deportierten in den Gruben erschossen; niemand hat den Transport Bb überlebt

 

Stand: Januar 2014

 

Verfasser: Prof. Dr. Andreas Mosbacher

Quellen: Die meisten Angaben entstammen den Büchern des herausragenden Serner-Forschers Thomas Milch, und zwar:  Milch (Hrsg.): Der Abreiser, Band X der Gesamtausgabe, Goldmann Verlag 1988; Das Hirngeschwür, Band II der Gesamtausgabe, Goldmann Verlag 1988; Über Denkmäler, Weiber und Laternen, Band I der Gesamtausgabe, Goldmann Verlag 1988; Krachmandel auf Halbmast, Gesamtausgabe Band. XI, Verlag Klaus G. Renner, 1992.

Weitere Informationen stammen aus dem Archiv der Universität Greifswald (mit bestem Dank an Frau Peters!) und eigenen Forschungen.

Die Informationen zur Deportation und Ermordung entstammen vor allen Dingen folgenden Werken:

Angrick/Klein, Die „Endlösung“ in Riga: Ausbeutung und Vernichtung 1941 – 1944, Darmstadt 2006, S. 355 f.; Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. u.a. [Hrsg.]: Buch der Erinnerung, Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, München 2003, Band I S. 17 ff.; 469 ff., 515 ff. (namentliche Nennung von Walter Serner und seiner Frau auf der Namensliste aller Deportierten des Transports Bb S. 528); Gottwaldt/Schulle, Die "Judendeportationen" aus dem Deutschen Reich 1941 - 1945, Wiesbaden 2005, S. 250 ff. und 260 ff.