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Erste Gedenktafel

für Walter Serner in Deutschland 

Am 17. September 2016 wurde in der Augsburger Straße 21 (früher 48) in Berlin-Charlottenburg auf Initiative der Hausgemeinschaft (vielen Dank!) eine Gedenktafel für Walter Serner enthüllt. Es ist die erste deutsche Gedenktafel für den 1942 ermordeten Schriftsteller und Dadaisten. In der Augsburger Straße begann Serners Berliner Zeit, hier arbeitete er für "Die Aktion" von Franz Pfemfert, den er wohl um die Ecke am Kurfürstendamm im Café des Westens ("Café Größenwahn") kennen lernte. Der rbb berichtete in der Abendschau über die gelungene Veranstaltung. Über seine Ankunft in Berlin schreibt Serner später: "Kurz darauf [nach dem Studium in Wien] brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin, wo ich mich 14 Tage hindurch langweilte, weil ich nachts schlief. Als ich anfing, es umgekehrt zu halten, amüsierte ich mich drei Jahre dermaßen, dass meine Liebe für diese Stadt ebenso unausrottbar bleibt wie für ihren Argot."

Sogar die New York Times berichtet in der Printausgabe vom 24. Oktober 2016 über die Veranstaltung im Beisein der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer (S. 6, Titel: "Germany Confronts, in a Unique Exhibit, Its ‘Holocaust of the Bullets’", von Alison Smale, online 23.10.2016); hier ein Auszug:

"Margot Friedlander, 94, is one such survivor. Born in Berlin, she was hidden by Germans from 1943 to 1944 and then deported to Theresienstadt, the camp north of Prague where she met her future husband, Adolf Friedlander.

A rabbi married them in spring 1945 in Theresienstadt, and the next year they left for New York, where her husband helped run the 92nd Street Y for 28 years. After he died in 1997, she started writing her memoir, eventually published in German.

That led to a trip to Berlin, and a decision to stay. Visiting schools is perhaps the most important part of her new life, she said, “because they are the future.”

Ms. Friedlander was attending a gathering of about 60 people one Saturday morning in September. The crowd had assembled first outside the elegant apartment building at Augsburger Strasse 21 and then moved inside to the apartment where Walter Serner, a Dadaist writer, once lived.

Although Serner, born Walter Seligmann in Bohemia, converted to Catholicism in 1909, to the Nazis he was a Jew. In 1942, after an itinerant life, Serner and his wife were arrested and sent to Theresienstadt, and then on to the Latvian capital, Riga. Along with the 900 or so other Jews on their transport train, they were shot in a forest outside the city in August 1942.

The small ceremony to honor Serner was almost entirely made possible by the enthusiasm of Andreas Mosbacher, a judge and law professor who was struck several years ago by Serner’s work and fate.

What works might Serner have written had he lived, the guests wondered. “No one — or very few — has heard of him now,” Judge Mosbacher said. Like much of the art created in Theresienstadt, Serner’s writings attest to a use of the German language and artistic endeavor that has now withered.

In this respect, did Hitler’s efforts to mold German culture triumph?

Not if you listen to Ms. Friedlander, who has faith in the young. “What was, was,” she said. Now, “they are the ones who must shape society.”

 

Dr. Hans Gerhard Hannesen, Sekretär der Akademie der Künste und maßgeblicher Initiator der Gedenktafel, begrüßt die Gäste im Namen der Hausgemeinschaft

Walter Serner und Berlin –

Ein Tausendrasta nimmt seinen Anfang

Festvortrag zur Enthüllung der Gedenktafel am Haus Augsburger Straße 21 in Berlin-Charlottenburg für Walter Serner

am 17. September 2016

(von Richter am Bundesgerichtshof Prof. Dr. Andreas Mosbacher)

 

Sehr geehrter Herr Hannesen, werte Hausgemeinschaft der Augsburger Straße 21, liebe Serneristen, verehrte Gäste!

Vor wenigen Minuten haben wir die erste Gedenktafel für den Schriftsteller und Dadaisten Walter Serner in Deutschland enthüllt, ein gutes Gefühl! Der Hausgemeinschaft  bin ich – auch im Namen meiner Mitserneristen – sehr dankbar für diese Initiative. Dass es für die heutige Würdigung von Walter Serner in Berlin eine Vielzahl überzeugender Gründe gibt, will ich Ihnen in der kommenden dreiviertel Stunde darlegen.

Berlin kann man in mehrfacher Hinsicht als Schicksalsstadt Walter Serners begreifen: Hier in Berlin, in der Augsburger Straße 21, nimmt seine künstlerische Laufbahn um 1911/12 die entscheidende Wendung, die ihn zu einer der interessantesten Künstlerfiguren der 1910er und 1920er Jahre macht. Hier in Berlin werden 1927 beim Steegemann Verlag seine letzten Werke verlegt und sein einziges Theaterstück aufgeführt. Hier in Berlin wird im Januar 1942 seine Ermordung beschlossen, die im selben Jahr noch ins Werk gesetzt wird. Und schließlich, alles überwölbend: Aus Berlin stammt seine langjährige Reisegefährtin und spätere Ehefrau Dorothea Serner, die mit ihm gemeinsam in den Tod geht.

Erster Akt: Augsburger Straße 21, nach früherer Zählung Nr. 48, in Berlin Charlottenburg. Am 1. November 1911 hat sich der 22jährige Walter Serner aus dem 9. Wiener Bezirk nach Berlin abgemeldet, er kommt in eine aufstrebende Stadt, deren Bevölkerung rasant gewachsen ist und – noch vor der Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin im Jahr 1920 – schon über zwei Millionen Einwohner zählt. Walter Serner hat gerade sein Jus-Studium an der Wiener Universität beendet, die rechtshistorische Prüfung hat er erfolgreich abgelegt. Er ist kein typischer Jura-Student. Über seine Wiener Zeit schreibt er später: „Das Jus-Studium, das ich mit achtzehn Jahren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, das zu jener Zeit eine sehr beherzigenswerte Stadt war. Mir ist es heute noch rätselhaft, wie es möglich war, dass ich die rechtshistorische Staatsprüfung bestand.“ Die achtzehn Jahre vorher hat Walter im mondänen böhmischen Kurort Karlsbad verbracht. Dort wurde er am 15. Januar 1889 als Walter Eduard Seligmann geboren. Sein Vater Berthold Seligmann, jüdischer Herkunft, hatte die katholische Emilie Gerstner geheiratet, deren Familie in Karlsbad das Haus „Stadt Olmütz“ oberhalb der Neuen Wiese gehört. „Hauseigentümer“ war in der Fremdenverkehrsstadt Karlsbad eine wichtige Sache, viele Grabsteine auf dem Karlsbader Friedhof ziert bis heute dieser Zusatz.  Walters Großvater David Seligmann war noch mit anderen Glaubensgenossen als fliegender Händler aus dem nahegelegenen  Lichtenstadt nach Karlsbad gekommen. Hauseigentum durften Juden lange Zeit nicht in Karlsbad erwerben und im Winter mussten sie Karlsbad verlassen. Ein Ausweisungsbefehl vom 26. Oktober 1853 nennt ausdrücklich David Seligmann als einen der Betroffenen. Doch jetzt: Welch ein Aufstieg der Familie Seligmann!

Vater Berthold erwirbt einige Jahre nach der Geburt von Walter in Karlsbad ein stattliches Haus und gründet dort mit seinem Bruder Julius eine Druckerei. Beide geben gemeinsam die wöchentlich erscheinende „Karlsbader Zeitung“ heraus, beide schreiben auch regelmäßig in der Zeitung. Aus manchem wird gar ein Buch wie aus den lesenswerten Reiseberichten von Julius Seligmann über seine Reise in die Vereinigten Staaten um 1890. Hier sieht man die ersten Vorbilder für den kleinen Walter. Er ist ein aufgeweckter Geist, besucht bald das nahegelegene Gymnasium und ist literarisch, künstlerisch und philosophisch überaus interessiert. Anspruch und Wirklichkeit gehen nicht immer überein, die erste Abiturprüfung wird verhauen, das Abitur ein Jahr später an einem anderen Gymnasium erworben. Die Beziehung zum Vater scheint schwierig, ein Schulfreud von Walter beschreibt ihn als „unerbittlichen Haustyrann mit mächtigem, stets schön frisiertem Vollbart, ein Mann, dem bürgerliche Konvention und Würde auf die Stirn geschrieben steht“ (Heinrich Fischer, in Thomas Milch, Der Abreiser, S. 230). Die literarische Leidenschaft seines Sohnes für den erwachenden Expressionismus überschüttet der Vater mit unsäglicher Verachtung (Fischer aaO). Im Spannungsfeld zwischen Abgrenzung und Nacheiferung, zwischen Bürgerlichem und Neuem entwickelt der vielseitig interessierte und begabte Sohn seine Persönlichkeit. Ein Jus-Studium in Wien passt eigentlich gut ins Bild des bürgerlichen Aufsteigers, der erste Studierte der Familie soll Walter sein und kann diesbezüglich bestimmt auf familiäre Unterstützung hoffen. Seine ersten literarischen Arbeiten kann man ebenfalls noch konventionell nennen, sie erscheinen sämtlichst in der Zeitung des Vaters, beginnend im Juni 1909 mit den „Ratschlägen für Maturanden“ (also Abiturienten). Was folgt, ist Kunstkritik und Journalistisches, Walter schreibt über die Kölner Blumenspiele wie über das Karlsbader Wintertheater. Überhaupt Karlsbad: Hier treffen sich jedes Jahr die Fürsten Europas, die Dichter und Denker, Hochstapler und Kurtisanen, alles in einem überschaubaren Städtchen mit viel Kultur. Goethe, einer der Helden von Walter Serner, war nicht weniger als 13 mal in Karlsbad, zuletzt unglücklich in die 19jährige Ulrika von Lewetzow verliebt. Neben Weimar und Rom war ihm Karlsbad am liebsten. Beethoven und Paganini gaben hier Konzerte, eine Vielzahl anderer Künstler füllt die Promenaden jeden Sommer. All dies vor der herrlichen Kulisse der großen internationalen Hotels wie des Grandhotels Pupp, bestens bekannt aus dem James Bond Film „Casino Royale“. All das bietet den Stoff für die späteren Kriminalgeschichten von Walter Serner, die in der Welt der Hochstapler, Kokainisten und Mätressen spielen. Nach dem Abitur macht Walter Seligmann etwas Besonderes: Er konvertiert im Juni 1909 vom mosaischen zum katholischen Glauben und ändert seinen Namen von Seligmann zu Serner. Die Erfindung seiner selbst beginnt. Anschließend das konventionelle Jura-Studium, währen dessen Walter aber weiter Kunstkritik für die Zeitung des Vaters schreibt, den sog. „Wiener Kunstbrief“ in zehn Teilen. Karl Kraus wird hier sein großes Vorbild, später wird er überschwängliche Lobeshymnen auf den böhmischen Publizisten verfassen, der wie Walter zunächst Jura in Wien studiert hat. Nach dem Uniabschluss organisiert Walter Serner in Karlsbad noch eine Ausstellung des von ihm verehrten Malers Kokoschka (die zweite Einzelausstellung dieses Künstlers) und bricht dann aus der K.u.K-Herrlichkeit Anfang November 1911 nach Berlin auf. Wo landet er zunächst? In der Augsburger Straße 21 (früher 48), in dem Haus, in dem wir jetzt zusammen sitzen. Gewöhnlich wohnte er zur Untermiete, so sicher auch hier, vielleicht ja sogar in der Wohnung, in der wir uns gerade befinden.

Über seine Ankunft in Berlin schreibt Serner später Folgendes:

„Kurz darauf [nach dem Wiener Studium] brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin, wo ich mich 14 Tage hindurch langweilte, weil ich nachts schlief. Als ich anfing, als umgekehrt zu halten, amüsierte ich mich drei Jahre dermaßen, dass meine Liebe für diese Stadt ebenso unausrottbar bleibt wie die für Ihren Argot.“

Um die Ecke am Kurfürstendamm ist der damals berühmte Literatentreff Cafe des Westens, auch „Cafe Größenwahn“ genannt. Im Café des Westens treffen sich die Künstler des Expressionismus, Dichter und Revolutionäre, Maler und Modelle, Komponisten und Musiker, Theatermacher und Schauspieler. Hier verkehren unter anderem Max Liebermann, Alfred Kerr, Christian Morgenstern, Friedrich Hollaender, Elke Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Richard Strauss, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Salomo Friedländer. Hier wird die Idee der Dreigroschenoper geboren und das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ komponiert. Wahrscheinlich hier kommt Walter Serner in Kontakt mit dem Gründer der berühmten expressionistischen Wochenzeitung „Die Aktion“, Franz Pfemfert.

 

Zwischen Februar 1912 und November 1914 schreibt Serner regelmäßig in dieser Zeitschrift neben den berühmtesten Autoren des Expressionismus. Einen der wahrscheinlich hier im Haus entstandenen Aufsätze will ich kurz vortragen:

[Es folgt der Text "Der Maler Kandinsky" aus Die Aktion v. 16.10.1912 S. 1324 f.]  

Just in diese Zeit fällt auch der Entschluss zu promovieren. Walter Serner wendet sich von der Augsburger Straße aus kurz vor seinem 23. Geburtstag im Januar 1912 an die Universität Greifswald und bittet um Informationen über die Bedingungen einer Promotion an der juristischen Fakultät. Im Sommersemester 1912 immatrikuliert er sich für ein Semester an der juristischen Fakultät und wohnt in Greifswald in der Bahnhofstraße 59. Er belegt die Fächer römisches Recht, Zivilprozess, Kolonialrecht und eine Vorlesung zu psychiatrischen Fällen. Für die Universität Greifswald ist die Promotion ein lohnendes Geschäft. Walter Serner muss nicht nur für die Belegung der Vorlesungen Honorare in Höhe von etwa 60 Reichsmark entrichten, sondern an Promotionsgebühren insgesamt 425 Reichsmark. Rechnet man diesen Betrag in heutige Kaufkraft um, dann hat Walter Serner etwa 2.500 € zuzüglich Unterkunftskosten und Druckkosten für seine Promotion aufwenden müssen –  für einen arbeitslosen Akademiker, der nur ab und zu Aufsätze veröffentlicht, ein stolzer Betrag. Weshalb aber will Walter Serner unbedingt in Greifswald promovieren? Die Promotionsgebühren sind auch im Verhältnis zur Berliner Universität vergleichsweise hoch, hinzu kommen die Aufwendungen für die Fahrt und die Unterkunft.

Der Grund liegt vielleicht in folgendem: Bereits am 26. Juli 1912 reicht Walter Serner seine Dissertation sowie zwei Textarbeiten (Exegesen zur Auslegung von § 110 StGB und § 304 BGB) ein. Die Dissertation liest sich flott, der geübte Schreiber Walter Serner hat einen für damalige Verhältnisse schnörkellosen und verständlichen Stil. Allerdings, der Inhalt. Zwar liest sich Serners Dissertation durchaus flüssig und schlüssig, sie ist aber zu über 80 % abgekupfert, also ein waschechtes Plagiat. Serner hat einfach eine im Jahr 1909 in Leipzig erschienene Dissertation im Wesentlichen abgeschrieben, die sogar fast denselben Titel trägt wie seine eigene. Statt „Die Haftung des Schenkers für Mängel im Rechte und Mängel der verschenkten Sache nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch“ – so der Titel der Dissertation des späteren Dresdener OLG-Richters Arwed Rüling – hat Serner seine Arbeit „Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache nach dem BGB“ genannt. Aufbau und Inhalt beider Dissertationen sowie die Fußnotenapparate sind in weiten Teilen deckungsgleich, Serner verändert lediglich den Sprachstil und die Reihenfolge etwas und setzt noch ein rechtshistorisches Kapitel voran, das mir aufgrund der Fußnotenstruktur aber auch abgeschrieben vorkommt. In seinem Literaturverzeichnis gibt es natürlich keinen einzigen Hinweis auf die Arbeit von Rüling!

Am 26. Juli 1912 erklärt Walter Serner in Greifswald schriftlich folgendes:

„Ich versichere hiermit an Eides statt, dass ich die als Dissertation eingelieferte Arbeit und die beiden Exegesen selbstständig angefertigt und mich keiner anderen als der angegebenen Hilfsmittel bedient habe.“

Damit begibt sich Serner auf vermintes Gelände. Nach § 156 des Reichsstrafgesetzbuchs macht sich strafbar, wer eine falsche eidesstattliche Versicherung vor einer hierfür zuständigen Behörde abgibt. Eine Universität kann eine solche Behörde sein, wie das Reichsgericht bereits im Jahr 1888 festgestellt hat (RGSt 17, 208 ff.; vgl. auch RG DR 1941, 987). Walter Serner droht nun im Entdeckungsfalle eine Gefängnisstrafe von einem Monat bis zu drei Jahren. Serner macht sich damit womöglich für die nächsten fünf Jahre erpressbar, denn erst dann verjährt eine solche Straftat (vgl. § 67 Abs. 2 StGB a.F.). Hat er sich nach Greifswald begeben, weil er sich sicher war, dass sein Plagiat dort nicht aufgedeckt wird? Und was treibt ihn eigentlich dazu, den Doktortitel um den Preis der Gefängnisstrafe anzustreben?

In seinem Promotionsverfahren ergeht es Serner zunächst wie bei der ersten Abiturprüfung: er fällt im August 1912 zunächst durch: römisches Recht und BGB: sehr schwach, Strafrecht und Prozess: ungenügend, Handelsrecht: nicht genügend. Doch er will unbedingt weitermachen und besteht nach erneutem Anlauf am 20. Mai 1913 die zweite mündliche Prüfung. Als Gesamtergebnis einigt sich die Kommission auf Vorschlag des Doktorvaters Pescatore auf ein bescheidenes „rite“. Die Dissertation wird in einem Berliner Verlag günstig gedruckt und Walter Serner erhält am 12. Juli 1913 die damals noch lateinische Promotionsurkunde und den Titel des „doctor utriusque juris“, des Doktors beider Rechte, also des weltlichen und des Kirchenrechts.

Was nutzt ihm sein Doktortitel? Serner hat zunächst nicht vor, als Jurist zu arbeiten, er wird es auch nie tun. Er ist weiterhin in Künstlerkreisen unterwegs. Eine Möglichkeit des Gelderwerbs öffnet der Titel gleichwohl. Walter Serner hat 1913 offensichtlich das Angebot bekommen, einer möglicher Weise etwas schlüpfrigen Veröffentlichung durch seinen Titel zu Seriosität zu verhelfen. Es handelt sich um die Neuauflage eines Klassikers der sozialhygienischen Forschung, Parent-Duchatelets Standardwerk zur Prostitution in Paris von 1836. Dieses Werk soll gekürzt unter dem Titel „Die Sittenverderbnis und Prostitution des weiblichen Geschlechts in Paris unter Napoleon I.“ in dem Berliner Verlag für Sexualwissenschaften und -Literatur Dr. Potthof & Co. erscheinen. Solcher Wissenschaft tut ein seriöser Doktortitel gut, wenn er auch eher an die medizinische als an die juristische Fakultät denken lässt. Im Vorspann wird das Werk angekündigt „Aus dem Französischen des Parent-Duchatelet Durchgesehen von Dr. Walter Serner“, der im Vorwort schreibt:

„Bei der Übersetzung des Werks, das in einem heute veralteten Französisch geschrieben ist, musste sonderlich darauf geachtet werden, … den antiquierten Stilcharakter möglichst wortgetreu nachzuahmen; denn es war nicht aus einem alten Buch ein neues zu machen, vielmehr aus einem neuen ein altes.“

 Das klingt so, als hätte Walter Serner, der nach seiner Promotion im Herbst 1913 nach Paris gefahren war, das Buch selbst übersetzt. Falsch gedacht! Wie in seiner Dissertation hat Serner nur ein bereits vorhandenes Werk gekürzt und sprachlich leicht verändert, nämlich eine bereits 1837 in Leipzig erschienene deutsche Gesamtübersetzung von Dr. G. W. Becker. Ein Hinweis darauf findet sich bei Serners Ausgabe nirgends. So kommt also der durch ein Plagiat erworbene Doktortitel zum ersten Mal zum Einsatz – wiederum bei einem Plagiat.

Den Doktortitel wird er gleichwohl segensreich einsetzen: Serner ist seit 1912 befreundet mit dem später berühmt gewordenen Schriftsteller und Dramatiker Franz Jung und seiner Frau. Jung hatte sich – wie viele andere Schriftsteller auch – zu Kriegsbeginn 1914 euphorisch freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, dann aber bald gemerkt, in welche Tötungsmaschinerie er geraten war. Im Dezember 1914 entfernt sich Jung unerlaubt von der Truppe und kommt nach Berlin, wo er Serner und seine Frau trifft. Man ist Jung bereits auf der Spur. Um seine Flucht zu ermöglichen und die Verfolger in die Irre zu leiten, stellt Serner ihm nun ein Attest mit folgendem Inhalt aus:

„Ich bestätige hiermit, dass Herr Franz Jung heute mittag auf der Straße infolge Herzschwäche ohnmächtig wurde und in seine Wohnung gebracht werden musste. Berlin, 14. XII. 14 Dr. W. Serner“.

Damit tritt Serner wiederum konkludent als medizinischer Doktor auf und riskiert einiges, denn das im Krieg befindliche Deutsche Reich reagiert auf derartige Fahnenflucht nicht zimperlich. Jung gelingt mithilfe von Serner zunächst die Flucht nach Wien. Gegen Jungs Frau und Serner ermittelt die Berliner Kriminalpolizei wegen Beihilfe zur unerlaubten Entfernung von der Truppe. Im Januar 1915 wird Serner vorgeladen und auf dem Polizeirevier in Berlin-Schönberg verhört. Seiner drohenden Verhaftung entgeht er durch die Flucht nach Zürich, wo er die kommenden Kriegsjahre verbringen wird. Wenn der Doktortitel auch etwas zweifelhaft erlangt wurde, wird er hier von Serner heldenhaft eingesetzt – zur Rettung seines Freundes unter Inkaufnahme der eigenen Verhaftung. 

In Zürich findet er sich bald im Kreis pazifistischer Schriftsteller und Künstler aus Deutschland und ganz Europa wieder und ist überaus umtriebig. Von seiner Wohnung gibt Serner etwa ein Jahr lang im Eigenverlag den „Sirius“ heraus, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst. Mitarbeiter der Zeitschrift sind u. a. Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler, Max Herrmann-Neisse, illustriert wird von Hans Arp, Alfred Kubin und Pablo Picasso. Der wichtigste mitgestaltende Künstler ist aber der später als Vertreter der neuen Sachlichkeit berühmt gewordene Maler Christian Schad, der in den nächsten zwölf Jahren Serners engster Freund und Vertrauter wird.

1916 gründen im Cabaret Voltaire in Zürich Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und andere den Dadaismus. Im Jahr 1917 schließt sich Serner diesem Kreis an und wird schnell neben Tzara der wichtigste Theoretiker, Propagandist und Organisator des Dada.

Es folgen die 20er Jahre, in denen in rascher Folge sieben Bücher von Walter Serner veröffentlicht werden. 1920 erscheint sein zwischen 1916 und 1918 entstandenes großes Dada-Manifest „Letzte Lockerung“, aus dessen Entwürfen sich Tristan Tzara ungehemmt bedient haben soll. 1921 folgt der erste Band noch im Exil entstandener Kriminalgeschichten „Zum blauen Affen. 33 hahnebüchene Geschichten“. Das Buch wird gut besprochen und verkauft, bald schon wird eine zweite Auflage gedruckt. Wie sich zeigen wird, handelt es sich um den einzigen großen Erfolg in seiner Schriftstellerkarriere. Prägend für Serners erzählerisches Werk ist neben dem Faible für aktuelle Kunst, der Freude am Wagnis und der treffenden Formulierung auch die eingehende Beschäftigung mit der Halbwelt, die Serner in seinen vielen Reisen in die europäischen Großstädte (u. a. Wien, Paris, Barcelona, Prag, München, Berlin, Rom, Neapel und London) kennenlernt. Er macht sie auch zu den Schauplätzen seiner insgesamt 99 erotischen Kriminalgeschichten, in denen in bis dahin unbekannt realistischer Art und Weise das Milieu der Hochstapler, Zuhälter, Prostituierten, Schieber und Cocainisten beschrieben wird.

Hier ein Beispiel:   

Aus Werbegründen wird Serner von seinem Verleger indes nicht als promovierter Jurist, sondern als „kontinental berüchtigter internationaler Hochstapler“ angepriesen. Auf eine Anfrage schreibt der Verleger:

„Seine Adresse werden sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehrjahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer öffentlicher Häuser in Argentinien.“

Diese von dem Schriftsteller Theodor Lessing 1925 in seinem Serner-Artikel „Der Maupassant der Kriminalistik“ veröffentlichte Mitteilung prägt lange Zeit das Serner-Bild. Nichts davon ist wahr. Serner reist zwar viel und beobachtet auch das von ihm beschriebene Milieu der Halbwelt mit scharfem Blick. Er selbst ist aber häufig so abgebrannt, dass er bisweilen seinen einzigen Anzug versetzen muss und tagsüber im Bett liegt, um am Essen zu sparen. Als Schriftsteller beginnen überaus produktive Jahre, aber die Zeitläufte sind gegen ihn. Mitten in der Weltwirtschaftskrise 1923 erscheint der zweite Band mit erotischen Kriminalgeschichten („Der Elfte Finger“), der Großteil der Auflage bleibt unverkauft. Anfang 1925 kommt bei einem neuen Verlag der erste Roman auf den Markt: „Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte“ (1992 verfilmt). Es folgt beim selben Verlag ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Der Pfiff um die Ecke“). Beide Bücher werden in Teilen Deutschlands wegen „Gefährdung der Sittlichkeit“ vorübergehend verboten, was für eine gewisse Reklame und guten Absatz sorgt. Auch häufen sich positive Besprechungen der Werke in den Feuilletons. Der neu gewählte Verlag meldet aber schon 1925 Konkurs an. Zudem hetzt die deutschnationale Presse unverhohlen antisemitisch gegen Serner und den ihn lobenden Theodor Lessing, beide jüdischer Herkunft. Alfred Rosenbergs Artikel aus dem Jahr 1925 endet mit den Worten „Leben heißt für den Juden: Moder schaffen und als Wurm in ihm wirken.“ So wird der Grundstein für späteres Morden gelegt.

Die letzten Werke Serners (und eine siebenbändige Kassette mit dem Gesamtwerk) erscheinen, von dem nach Berlin umgezogenen Verlag Steegemann herausgebracht, im Jahr 1927: Ein nur einmal in Berlin aufgeführtes und anschließend von der Polizei verbotenes Theaterstück („Posada oder Der große Coup im Hotel Ritz - Ein Gauner-Stück in drei Akten“; auch hieraus soll abgekupfert worden sein…), ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Die tückische Straße“) sowie eine wesentlich erweiterte zweite Auflage der „Letzten Lockerung“ mit dem Zusatz „Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“. In dem Handbrevier verarbeitet Serner seine Erfahrungen mit Reisen, Hotels, Menschen und sich selbst zu 591 kurzen Sentenzen, die in ihrer Scharfsinnigkeit, Menschenklugheit und ihrem subtilen Witz bis heute ihresgleichen suchen. Drei kurze Beispiele aus den Rubriken „Menschenkenntnis“ und „Elementares“:

Nr. 92 „Wortkarge Menschen sind im allgemeinen schwer zu behandeln. Behandle sie gar nicht; sie werden die Sprache wiederfinden.“

Nr. 74 „Redet einer beim Zuschnüren seiner Stiefel über Buddha, so kannst du ihn augenblicklich erfolgreich anpumpen.“

Nr. 1 „Es gibt im Grunde weder Herren noch Diener. Sklaven ihrer Fähigkeiten und Temperamente sind alle. Bleibt dir das stets bewusst, so wird es dir nicht schwer sein, dich und andere zu lenken.“

Nach diesem großen Finale zieht sich Serner ins Privatleben zurück. Im Jahr 1931 gibt es einen weiteren erfolglosen Versuch, seinen freizügigen Roman „Die Tigerin“ zu verbieten, der aber aufgrund des Einsatzes von Alfred Döblin und Ernst Rowohlt noch scheitert. 1933 werden schließlich sämtliche Werke Serners verboten, seine Bücher verbrannt, die erheblichen Auflagenreste beschlagnahmt und vernichtet. Was Walter Serner in den 15 Jahren von Ende 1927 bis 1942 macht, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren, es gibt nur wenige Hinweise auf Meldezetteln und in amtlichen Dokumenten. Serner reist wohl mit seiner aus Berlin stammenden Lebens- und Liebesgefährtin Dorothea Herz in Europa umher.

Seit diesem Jahr weiß man zum ersten Mal mehr über Dorothea Herz, die am 18. Januar 1889 in Berlin geboren wurde. Durch Zufall findet Georg Wiesing-Brandes, der Inhaber der Kunstbuchhandlung Merz im Sprengel Museum in Hannover, im Frühjahr 2016 zwei Briefe von Walter Serner an den berühmten Schweizer Arbeiter-Arzt Fritz Brupbacher aus dem Jahr 1933. In einem dieser Briefe bittet Serner Brupbacher,, einer in einem Sanatorium befindlichen Dame heimlich einen Brief von ihm zu übergeben. Wie weitere Recherchen ergeben, handelt es sich bei dieser Dame um Dorothea Herz, die nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Julius Stahl den Nachnamen Stahl trägt. Dorothea Herz ist sehr krank, sie hat starke Unterleibsbeschwerden, nachdem einige Jahre zuvor bei ihr mit hoher Strahlenbelastung eine Röntgen-Katstration durchgeführt wurde. Auch sonst ist Dorothea nicht gut beisammen, psychisch ist sie schwer angeschlagen. Sie geht deshalb in das Sanatorium „Lebendige Kraft“, das von dem Arzt Bircher-Benner, dem Erfinder des Bircher-Müslis, geleitet wird. Einer Pflegekraft öffnet sie sich nach einigen Tagen:

„Frau Stahl läutet mir und möchte den Puls gefühlt haben... Ich frage, was haben Sie wohl ihrem Herzen alles zugemutet... Sie hätte großes Bedürfnis zu sprechen. Nachdem sie 9 Jahre mit einem Mann (Lebensgefährte) zusammengelebt habe, der sie von allem abgeschlossen, von jeglichem Verkehr mit anderen Menschen. Sie hat für ihn alles aufgegeben, gute Zeit mit ihrem Mann, angenehmes Leben (indem sie sich jedoch wenig wohl fühlte, weil es nicht ihrem Wesen entsprochen habe). Sie habe durch die Scheidung auch alle früheren Freunde verloren. Den Schriftsteller hätte sie so geliebt, dass sie erst nach Jahren gespürt habe, dass er ganz von ihrer Kraft lebe – bis eben jetzt nie die Kraft zum Loslösen gehabt. Sie habe viel von ihm bekommen, aber zu teuer bezahlt, nämlich mit ihrem Herzen (Herzblut). Sie erzählt u. a. von einer Frau eines Schriftstellers, die sich für ihren Mann aufgeopfert hat, bis sie an Herzschwäche gestorben sei. Sie sieht während sie mir das erzählt eine Parallele mit ihrem Schicksal und ihrem eigenen Leben. Könnte doch auch daran sterben. Aber sie hätte doch so viel Lebenswille. Im richtigen Moment hätte sie von dieser Frau gehört, sonst wäre es ihr ebenso gegangen...“

In den Krankenakten finden sich auch die letzten Briefe, die bislang von Walter Serner bekannt geworden sind. Darin bittet er um medizinische Informationen für Dorothea, beide sind in Barcelona gelandet und wohnen auf der Rambla.

Im Jahr 1938 lässt sich Serner schließlich mit seiner Gefährtin in Prag nieder, wo beide auch heiraten. Amtliche Dokumente weisen ihn als Sprachenlehrer, sie als Hausfrau aus. Der einsetzenden Judenverfolgung versucht Serner durch den Antrag auf Ausreise zu entgehen – vergeblich. In Berlin wird im Januar 1942 in einer schönen Villa am idyllischen Wannsee die sog. „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Die planmäßige Ermordung der europäischen Juden und derjenigen, die die Nazis für solche halten, wird ins Werk gesetzt. Walter Serner ist streng genommen überhaupt kein Jude, denn seine Mutter ist katholisch und er selbst zum katholischen Glauben übergetreten. Gleichwohl behandeln die Nazis ihn als solchen. Die ersten großen Vernichtungstransporte, vor Inbetriebnahme der Vernichtungslager, gehen in den „Osten“, wo die Deportierten überwiegend in Massengräbern erschossen werden. Organisiert wird all dies von Berlin aus, die Reichsbahn macht munter mit, schließlich verdient man an jedem Transportierten mit.

Der letzte Existenznachweis von Walter Serner ist der Transportschein in den Tod Seine letzte Reise geht erzwungener Maßen von Prag über das Lager Theresienstadt nach Riga, wo Walter Serner, seine Frau und alle andern 998 Mitglieder dieses Transports am 23. August 1942 im Wald von Biernicki in kurz zuvor ausgehobenen Sandgruben erschossen werden. Niemand hat diesen Transport überlebt.  

Walter Serner letztes Werk „Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“ endet mit folgender „Schlussnummer“:

„Die Welt will betrogen sein, gewiss. Sie wird aber sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust.“

Folgendes „Marschlied“ schließt sich an:

Als sehr verwegner Tausend-Rasta

sei nicht zu wild und nicht zu wüst.

Es kommt für jeden mal das Basta.

Drum achte drauf, dass man dich grüßt.