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Forschungsprotokoll -

Bibliothèque littéraire Jacques Doucet Paris (01.12.2014)

 Berichterstatterin: Dr. Rollmann

 

1  Vorbereitung

Ein Besuch der Bibliothèque Doucet erfordert gewisse Vorbereitungen, d.h. diesem Ort nach einem petit déjeuner während eines Paris-Wochenendes einen Besuch abzustatten, erwiese sich als schwierig. Die mentale Vorbereitung auf das Thema bzw. auf die zu untersuchenden Fragestellungen vorausgesetzt muss die Einsichtnahme in die Dokumente formal organisiert werden. Folgende Dinge werden für einen Zugang zu den Dokumenten benötigt (vgl. Homepage der Bibliothek):

 

  •  Eine „Lettre du motivation“, d.h. ein „Motivationsschreiben“ bzw. eine schriftliche Erklärung der Gründe für die erwünschte Einsichtnahme (das Anliegen kann professionell, wissenschaftlich oder persönlich ausgerichtet sein)
  • Eine Vorbestellung der erwünschten Dokumente inkl. Voranmeldung des Besuches

  • fundierte Französischkenntnisse (Zulassungsdokumente, handschriftliche Dada-Dokumente)

  • Kenntnis des „règlement intérieur“ der Bibliothek (Gebrauch eines Bleistifts etc.)

     

Das Motivationsschreiben ist im Original vorzulegen und wird im Austausch gegen einen Bibliotheksausweis, welcher den Zugang in die Lesesäle ermöglicht, einbehalten. Für den Externen bestehen zwei Möglichkeiten bei der Wahl des Passes: Einen Jahrespass (gegen Gebühr) oder den „Laissez Passer Temporaire“. Letzterer erlaubt kostenfrei den Zutritt und die Einsichtnahme, allerdings nur für zwei aufeinanderfolgende Tage eines Jahres. Ein zweiter Besuch innerhalb dieses Jahres ist damit ausgeschlossen. Die für meine Studien interessanten Dokumente werden in den Lesesälen 8 und 10 zur Verfügung gestellt, deren Öffnungszeiten auf Montag bis Freitag von 14 bis 18 h limitiert sind.

Es ist empfehlenswert, sich vorab auch etwas über die Geschichte und Architektur der großartigen Bibliotheksgebäude zu informieren. Besonders die Bibliothek Sainte-Geniviève besitzt eine eindrucksvolle Historie.

Meine Fragestellungen richteten sich detailliert auf drei teils Serner zugeschriebene Briefe, die an Francis Picabia adressiert sind. Zudem war es mein Wunsch, einen allgemeinen Eindruck von Serners Briefen an Tristan Tzara zu erhalten. Diese Briefe sind bereit mehrfach untersucht worden und finden sich als Abschrift in den Quellenbänden zu Serner. Dennoch, so meine Vorstellung, könnte etwas zu finden sein, wonach nicht gesucht wurde.

 

2 Ankunft 

 

Die Bibliothek befindet sich im Uni-Viertel der Sorbonne im 5. Arrondissement, direkt am Place du Pantheon. Der imposante Bau des Pantheon ist Ruhestätte der Gebeine u.a. Voltaires und Rousseaus – und verbreitet einen für die Untersuchung der Dada-Dokumente passenden Geist des  Revolutionären und Erfindungsreichen. Durch ein schlichtes Portal gelangt man nach dem Einlass (Klingel) auf der dritten Etage in den übersichtlichen Saal 8. Dort erfolgt die Aushändigung der Dokumente nach dem administrativen Akt ebendort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Untersuchungen und Ergebnisse

 

3.1 Lesesaal 8: Briefe „Sem“ und „Kra(n)tz“ / Brief Serner an Picabia

 

Ein Stimmungswechsel nach dem organisatorischen Prozedere am zugeteilten Platz: Wohl keine Enttäuschung über die erwartete, aber nicht durchgeführte Kontrolle über die Beachtung der Bibliotheksordnung („règlement intérieur“), aber die Darbietungsweise der Dokumente überrascht:  Anstelle der Originaldokumente werden die Originale ihrer Fragilität wegen als Scans gezeigt. Die nüchterne Darstellung auf dem Computer, die einer formalen Deauratisierung gleicht, trägt dann jedoch positiv gesehen rasch zur Konzentration auf den Inhalt bei.

 

3.1.1 Fragestellung: Urheberschaft der Briefe

 

3.1.1.1 „Sem“-Brief vom 03.11.1919an Francis Picabia

 

Der Brief ist mit „Sem“ unterzeichnet und wird von einigen Forschern Serner zugeschrieben, da dieser das Kürzel „Sem“ ab und an gebraucht habe. Zweifel an der Urheberschaft Serners sind nach der Begutachtung allerdings berechtigt. Dies aus formalen und stilistischen Gründen: Serner hielt sich am Datum der Brieferstellung in Genf, nicht in Paris auf. Daher kommt er – außer er hätte den Brief durch eine andere Person an der Place Chopin in Paris, wo der Brief gestempelt ist, abgeben lassen – wohl kaum als Autor in Betracht. Stilistisch ist zu beobachten, dass Serner in allen Briefen, die nachweislich von ihm stammen und an Picabia gerichtet sind, als Anrede das Personalpronomen „vous“ gebraucht, also förmlich bleibt, wobei der mit „Sem“ unterzeichnete Brief Picabia durchweg mit dem legereren „tu“ anspricht. Zudem unterscheidet sich – dies könnte als leichteres Argument gelten – die Handschrift doch etwas von Serners belegter. Interessant ist, dass die Place Chopin vom Boulevard Emile Augier, der Heimadresse Germaine Everlings und Picabias, fußläufig zu erreichen ist. Vielleicht könnte dieses geographische Argument, die Richtung für eine weitere Recherche vorgeben, wer denn, wenn nicht Serner, Verfasser (oder Verfasserin?) des Briefes ist.

 

3.1.1.2 „Kra(n)tz“-Brief vom 23.06.1921 an Picabia

 

Die These zu diesem Brief, der mit „Kratz“ (oder „Krantz“) unterzeichnet ist, besagt, dass er von Serner mit verstellter  bzw. linker Hand geschrieben worden sei. Nach der genaueren Untersuchung ist keine eindeutige Antwort auf die Frage der Urheberschaft zu geben. Vielmehr können m. E. zwei mögliche Urheberschaften in Betracht gezogen werden. Serner ist als Autor nicht auszuschließen, aber ebenso ist der Künstler Ernst Krantz als Autor möglich.

 

Zur möglichen Autorenschaft Serners

Formal ähnelt das spektakuläre Schriftbild in seiner vertikalen Verzerrung und seinem Rechts-oben-Drang einer Kinderhandschrift. Auch stilistisch ist der Brief auffällig: Die ungebräuchliche Brief-anrede „Bonsoir“ (nicht „Bonjour“) sowie absichtliche (?) Rechtschreibfehler könnten auf eine deutschsprachige Urheberschaft schließen lassen (bspw. „pur“, anstelle „pour“) oder aber auf die Einordnung des Briefes als Mitteilung mit Hintersinn. Der Name des Unterzeichnenden liest sich auf den ersten Blick als „Kratz“ – Ein zusätzliches, onomatopoetisches Indiz für die Intention des Briefes als „Seitenhieb“ bzw. kleine Revolte? Der aufgrund der Handschrift nur teils entzifferbare Brieftext kritisiert Tzaras Selbstdarstellung als „l´auteur du movement Dada“. Stattdessen erwähnt er – neben dem Adressaten Picabia – Serner als einer der „rentables auteurs“. Der Brief-Autor selbst gibt sich als „ami de Huelsenbeck“  zu erkennen.                                                                                                                            

Als Hintergrund der Zuordnung des Briefes bleibt zu beachten, dass sich im Jahre 1921 Serner bereits von Dada distanziert hatte und sich nach Aufenthalten in Paris und Neapel (gemeinsam mit Schad) zum Zeitpunkt des Schreibens in Berlin aufhielt. Grund für das Zerwürfnis stellte Serners Bruch mit Tzara dar, der sich in Paris als wichtigster Vertreter Dadas darstellte (vgl. Brief Serners vom Januar 1921 an Picabia, in dem Serner Picabia seine große Zuneigung ausspricht und zugleich mitteilt, er müsse aber aufgrund äußerer Umständen sein Haus meiden[1]). Interessanterweise gleicht der vorliegende Brief inhaltlich einem Brief Schads an Picabia vom 25. April 1921, abgesendet aus Napoli. Auch in diesem wird Tzara die Inanspruchnahme der Urheberschaft Dadas vorgeworfen – und die Bedeutung Balls, Hülsenbecks und Serners betont. Wenn Serner Autor des Briefes ist, dann stellt er eine zweite, nachdrückliche Beglaubigung für die Bedeutung, die Serner sich selbst in der Dada-Bewegung zusprach, und seiner Bemühungen dar, Paris „objektiv“, d.h. unter falschem Namen, diese Bedeutung wissen zu lassen.

 

Zur möglichen Autorenschaft Krantz´

Die Unterschrift könnte auch „Krantz“ lauten. Tatsächlich ist ein Künstler in Berlin mit Namen  Ernst Krantz bekannt, der der Dada-Gruppe nahe stand. Zumindest tritt er als ein Gründer der Novembergruppe in Erscheinung – und später als Mitglied der Kritiker-Gruppe der Ursupatoren, welcher ebenso Dada-Künstler wie George Groß angeschlossen waren.

Offen bleibt jedoch, in welcher Beziehung Ernst Krantz zu Serner stand. Und weshalb eine solche Ähnlichkeit des Briefes Krantz´ mit demjenigen Schads besteht. Gibt es eine Verbindung zwischen Schad und Krantz? Beide waren bildnerisch tätig und standen in ihrer frühen Phase auch dem Expressionismus nahe. Wenn der Brief Ernst Krantz zugeschrieben wird, dann handelt es sich, je nach Verbindung zu Serner um einen Freundschaftsdienst, mit dem Ziel, Serner in Paris mehr Gewicht zu verleihen, oder aber tatsächlich um ein objektives Urteil eines Dritten, Unbeteiligten und deutet damit auf den tatsächlichen Stellenwert, dem Serner in Berlin bereits zukam.

Um die Frage der Urheberschaft zu klären, liegt es nahe, entweder das Verhältnis von Krantz zu Serner bzw. Schad zu erforschen (Briefe in den Nachlässen?) oder aber die Handschrift Krantz´ mit der Briefhandschrift zu vergleichen – Krantz würde ggf. dann eine der spektakulärsten Handschriften überhaupt besitzen. Nicht auszuschließen ist letztendlich eine Zusammenarbeit Serners mit Krantz, in der Krantz dem Briefeschreiber Serner seinen Namen lieh.

 

3.1.2 Frage zur Datierung / Brief vom 04.04.1923 an Picabia

 

Die Datierung des Briefs lässt sich handschriftlich einwandfrei entziffern. Rückschlüsse auf eine vorsätzlich falsche oder versehentlich falsche Datierung müssten aus der Chronologie der Ereig-nisse zurückgeschlossen werden.

 

 

3.2 Lesesaal 10 (Bibliotheque Sainte-Geneviève; Brief-Konvolut Serner an Tzara)

 

Mit der Zugangsberechtigung gelangt man über einen Security-Check in den Lesesaal 10, der sich in der anliegenden Bibliothèque Sainte-Geneviève befindet. In einem Dokumentenorder – nun endlich – die Originalschriften Serners an Tzara. Genauer: 57 Briefe unterschiedlichen Formats und einige Postkarten.

 

Hervorzuheben sind zwei „Zwillings“-Postkarten vom 27.1.1919, die von Genf aus Tzara in Zürich erreichten. Die beiden Postkarten, die umseitig das gleiche Motiv aufweisen (die Fotografie eines belebten Ballsaals), sind mit Zeichnungen versehen und wohl unter Beteiligung Christian Schads entstanden.

 

Karte Nummer 1 weist ein ausdrucksstarkes Dada-Schriftbild aus. Selbst die Adresse Tzaras wurde durch Variation der Buchstabengrößen gestaltet. Der in Druckbuchstaben geschriebene Haupttext ist um 45 Grad gekippt und lautet: SALUTATIONS EMPRESSESSES, darunter SCHAD (ebenso in eindrucksvoller Typographie). Am linken Rand, entlang der Kartenkurzseite, erscheint das typographische Kunstwerk SERNER VOUS EMPRASSE, wobei die Zinken aller E-Buchstaben zu langen Bahnen verlängert sind, so dass der Text zwei Zeilen voll ausfüllt. Man ist versucht, nach der Sichtung des dadaesken „Kratz“-Briefs Serner als Schreiber der Karte nicht auszuschließen, allerdings unterscheidet sich der künstlerische Stil der Postkarte doch sehr vom gekünstelt wirkenden Briefschriftstil.

 

 

Die zweite Postkarte nimmt die Glückwünsche der ersten Postkarte auf, allerdings nun in ge-mäßigter Handschrift Serners. Dezentral weist die Karte eine kleine expressionistisch anmutende Zeichnung auf. In wenigen einfachen Strichen sind fünf miteinander verbundene bzw. verschränkte Dreiecke zu sehen, zwei Seiten enden pfeilartig. Das geschlossene Dreieck mittig ist mit einem  Fragezeichen versehen. Ein kleiner Kringel an der spitzen Seite des großen Dreiecks nebst einiger Linien auf der oberen Seite erwecken den Eindruck, dass es sich bei der Figur um eine Maus handeln könnte. Aber stellt die Zeichnung tatsächlich eine Figur dar? In ihrer Ambivalenz könnte sie auch ein verziertes Liniendiagramm darstellen. Die Geraden-Pfeile weisen aufwärts, allerdings ist die längste Gerade abwärts geneigt.

 

 

Eine Interpretation dieser kleinen Zeichnung ist ggf. möglich, wenn der Entstehungskontext der Postkarten hinzugezogen wird – Natürlich kann auch hier nur spekuliert werden. Hatten die Grüße an Tzara einen bestimmten Anlass?

 

Ende des Jahres 1919, dem Zeitpunkt an dem die Karten versendet wurden, hatte sich der Schwer-punkt der Dada-Aktivitäten von Zürich, wo Tzara lebte, bereits nach Berlin und Paris verlagert. Nach der achten Dada-Soiree im April 1919 wird nur noch von editorischen Aktionen in Zürich berichtet (Anthologie DADA im Mai; Herausgabe der Zeitschrift „Zeltweg“ im November). Zum Anlass einer Soiree oder ähnliches sind die Karten wohl nicht erstellt worden. Folgende Begründungen sind wahrscheinlicher.

 

  • Möglicherweise sind die Grußkarten Ausdruck der neuen Dada-Aktivität in Genf und dienen als Zeichen der Verbundenheit zu DADA-Zürich. Serner hatte Ende 1919 eine Dada-Zentrale in Genf gegründet, dessen Aktionen wohl anders als in Serners Falschmeldungen lanciert, kaum große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen und auch in einem kleinen Kreis verblieb (Serner blieb einziges Mitglied, allerdings waren u.a. Picabia zumindest in Ausstellungen etc. vertreten); dennoch wurden einige Veranstaltungen durchgeführt - bspw. der „Erste Dadaisten Kongreß“ am 2. Dezember 1919.[2]

     

  • Die Karten könnten zudem – es sind schließlich zwei! – im Zusammenhang von Tzaras Paris-Reise im Januar 1920 zu sehen sein. In Paris wird Tzara am 17. Januar von Picabia und Breton, den grundlegenden Figuren des aufblühenden Pariser Dada Movements, als lang ersehnter und begnadeter Akteur der Dada-Bewegung mit großer Neugierde und Freude empfangen (Sanouillet spricht von Tzara und seiner Ankunft in Paris als der „Funke, der nötig war, um die Dada-Explosion in Paris herbeizuführen“,[3] Übers. d. Verf.). Die Grüße sind demnach als Zeichen der Verbundenheit zu sehen für einen Freund, der nun erstmals persönlich auf eine (mit Ausnahme Picabias) nur durch Briefe bekannte Gruppe trifft. Ein Zusammentreffen, welches gegebenenfalls die Gelegenheit dazu gäbe, durch die Vereini-gung der Kräfte, Dada neue Stärke zu geben.

Ob nun eine oder beide dieser Vermutungen – wenn überhaupt – zutreffen: Offensichtlich ist das freundschaftliche Verhältnis zwischen Serner und Tzara, welches Serner seinerseits durch die Postkarten am Ausgang des Jahres noch einmal bekräftigt.[4] Die Äußerungen Tzaras in Paris über seine Dada-Freunde erscheinen damit umso gewagter: Tzara gibt sich schon vor seiner Abreise in einem Brief an Breton (vom 21.09.19) als einzig relevanter Vertreter Dadas aus. Demgegenüber steht Serner, der am 24. Januar 1920 in einer Genfer Zeitung sich und Tzara als die „les ré-presentants les plus marquants du dadaisme“ nennt.[5] Dies zeugt von Selbstbewusstsein, aber auch von der Loyalität Serners Tzara gegenüber. Wie der chronologisch nachfolgende Kra(n)tz-Brief bezeugt, führt die Spaltung Tzara-Serner weit über das Jahr 1920 hinaus und ist als eine der Gründe für die Zerstreuung Dadas im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Deutet man die kleine Zeichnung in diesem Kontext gibt sie in ihrer Ambivalenz sowohl den Optimismus als auch die Ungewissheit der Dada-Bewegung zum Zeitpunkt der Kartenentstehung wieder. Dada ist einerseits Ende 1919 mit Serner auch in Genf präsent, mit dem Abreisenden Tzara nach Paris verliert Zürich andererseits die treibende Figur der Bewegung vor Ort.                       

Die Dada-Maus lebt! - Wenn auch von Pfeilen durchbohrt und mit einer Käseecke der Marke Fragezeichen gefüttert.

 

4 Zusammenfassung und Ausblick

 Sowohl der „Kra(n)tz“-Brief als auch die Postkarten geben Aufschluss über die Form des Scheiterns der Zusammenarbeit zwischen Tzara und Serner. Die Dokumente beweisen zum einen Serners Willen, die Protagonisten der Bewegung zusammenzuhalten. Das Bemühen Serners um freundschaftliche und gleichberechtigte Zusammenarbeit – wie in den Postkarten an Tzara demonstriert – läuft wider Tzaras Intention und führt schließlich Serner andererseits dahin, seine Rolle in der Bewegung selbst klar zu stellen (bzw. klarstellen zu lassen; vgl. Serner als Schreiber oder Anstifter des „Kra(n)tz“-Briefs). Tzara übrigens sollte auch in Paris kein gutes Händchen für ein Zusammenarbeiten beweisen und sich alsbald mit Breton zerstreiten...

Der Urheberschaft des Kra(n)tzbriefes auf den Grund zu gehen bleibt Aufgabe für die nächste Archivarbeit (Handschriftvergleich; Untersuchung des Verhältnisses Serner-Schad-Krantz), welche, wenn sie schon schwerlich wieder in einem so repräsentativen äußeren Rahmen stattfinden kann, doch wieder vom Geist des Revolutionären und Erfindungsreichen getragen sein wird. 

 

Ad 3.1.1.2 – Nachbericht (15.01.2015)

Frage zur Urheberschaft des „Kra(n)tzbriefes“

 

Nach Begutachtung Ernst Krantz´ Handschrift[1] ist ersichtlich, dass die natürliche Handschrift des Ernst Krantz keineswegs der Handschrift des Briefes an Picabia gleicht. 

Damit verbleibt Krantz jedoch weiterhin im Kreis der möglichen Briefautoren: Tatsächlich könnte m.E. Krantz´ Handschrift eher Grundlage der entstellt wirkenden Schrift des Kra(n)tz-Briefes sein, als Serners Handschrift (Rechtsneigung der Handschrift „Kra(n)tz“). Um diese Vermutung zu erhärten liegt es weiterhin an, Beweise für eine Verbindung zwischen Krantz und Serner (oder Schad) zu finden – oder es bei der unbelegten These zu belassen, dass sich ein Berliner Künstler unabhängig von Freundschaft (oder Bezahlung?) um den Ruf eines deutschsprachigen Dadaisten in Paris sorgte, und seiner Sorge in einem dadaesk wirkenden Brief zum Ausdruck verlieh.



[1]Die Handschriftprobe wurde freundlicherweise als Digitalisat seitens der Berlinischen Galerie, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Berlin, zur Verfügung gestellt. Besonderen Dank gilt Philipp Gorki.



[1]Vgl. Sanouillet, Michel, Dada in Paris, Cambridge 2009, S. 501.

[2]Peters, Jonas, „Dem Kosmos einen Tritt“. Die Entwicklung des Werks von Walter Serner und die Konzeption seiner dadaistischen Kulturkritik (= Hamburger Beiträge zur Germanistik, hrsg. v. Freytag, Wiebke, Köster, Udo u.a., Bd. 19), Frankfurt a. M. 1995, S. 164.

[3]Sanouillet, Dada in Paris, S. 96.

[4]Die Briefe Serners an Tzara widmen sich schwerpunktmäßig den organisatorischen Abläufen zwischen Dada Genf und Zürich.

[5]Vgl. Peters, „Dem Kosmos einen Tritt“, S. 165.

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