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Walter Serner vor 1917Walter Serner vor 1917

 

Dr. Walter Serner – Wenn ein Hochstapler promoviert

 

Festvortrag zum Akademischen Festakt anlässlich der Verleihung akademischer Grade der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald am 15. November 2013

 

Magnifizenz, Honorabilis,  Spectabilitäten, sehr geehrte Honoratioren, werte versammelte akademische Festgemeinschaft, liebe Promovenden und Habilitanten, Familienangehörige und Freunde, liebe Kinder!

In wenigen Minuten –  Sie alle hoffen sicherlich, dass es wenige sind –  werden Sie, liebe Promovenden und Habilitanten, verdientermaßen ihre Promotions- und Habilitationsurkunden überreicht bekommen und sich hoffentlich noch viele Jahre an den damit verbundenen, durch harte Arbeit erworbenen Titeln erfreuen.

Die Zeit bis zur Überreichung der Urkunde möchte ich Ihnen und der Festversammlung gerne damit vertreiben, dass ich Ihnen eine kleine Geschichte erzähle. Es ist eine wahre Geschichte und sie handelt von einem jungen Mann, der vor genau 100 Jahren hier in Greifswald in der Universität saß und – so wie sie jetzt – seine Promotionsurkunde überreicht bekam. Was er damals nicht wusste: der Doktortitel, den er nach Überreichung der Promotionsurkunde führen durfte, sollte sein ganzes Leben verändern. Die Geschichte, die vor 100 Jahren in Greifswald mit der Überreichung einer Promotionsurkunde begann, ist eine Geschichte von Betrug, Heldentum, künstlerischer Schaffenskraft, Ausgrenzung, Liebe und Tod, und zwar in dieser Reihenfolge.

Schauen wir uns zuerst unseren Helden ein wenig an: Im Jahr 1889 wird in dem mondänen Kurort Karlsbad in Tschechien Walter Seligmann geboren. Sein Vater ist Inhaber der Karlsbader Zeitung, die in der familieneigenen Druckerei hergestellt wird. Der junge, aufgeweckte Walter, den die internationalen Kurgäste faszinieren, hat es in dem autoritären Elternhaus nicht einfach. Er besucht das staatliche Gymnasium in Karlsbad, fällt jedoch bei der ersten Abiturprüfung durch und besteht erst ein Jahr später die Wiederholungsprüfung. Kurz darauf tritt er vom jüdischen zum katholischen Glauben über und wechselt den Familiennamen von Seligmann in Serner. Er entschließt sich für das Studium der Rechte und übersiedelt mit 20 Jahren nach Wien, wo er sechs Semester lang studiert und die erste Staatsprüfung abgelegt. Während seines Studiums schreibt er zahlreiche Feuilleton-Artikel für die Zeitung seines Vaters, die sich mit dem kulturellen Geschehen in Wien, mit Kunstausstellungen und Theateraufführungen befassen. Sein besonderes Interesse gilt den damals umstrittenen Künstlern Karl Kraus, Adolf Loos und Oskar Kokoschka. Mit 22 Jahren organisiert er sogar selbst eine Ausstellung für Oskar Kokoschka in Karlsbad.

Bald darauf zieht Walter Serner nach Berlin, wo er um die Ecke des Kurfürstendamms ganz in der Nähe des damals berühmten Literatentreffs Cafe des Westens, auch „Cafe Größenwahn“ genannt, wohnt. Im Café des Westens treffen sich die Künstler des Expressionismus, Dichter und Revolutionäre, Maler und Modelle, Komponisten und Musiker, Theatermacher und Schauspieler. Hier verkehren unter anderem Max Liebermann, Alfred Kerr, Christian Morgenstern, Friedrich Hollaender, Elke Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Richard Strauss, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Salomo Friedländer. Hier wird die Idee der Dreigroschenoper geboren und das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ komponiert. Wahrscheinlich hier kommt Walter Serner in Kontakt mit dem Gründer der berühmten expressionistischen Wochenzeitung „Die Aktion“, Franz Pfemfert. Zwischen Februar 1912 und November 1914 schreibt Serner regelmäßig in dieser Zeitschrift neben den berühmtesten Autoren des Expressionismus.

Über sein Studium und seine Ankunft in Berlin schreibt Serner später Folgendes:

„Das Jus-Studium, das ich mit 18 Jahren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, das zu jener Zeit eine sehr beherzigenswerte Stadt war. Mir ist es heute noch rätselhaft, wie es möglich war, dass ich die rechtshistorische Staatsprüfung bestand. Kurz darauf brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin, wo ich mich 14 Tage hindurch langweilte, weil ich nachts schlief. Als ich anfing, als umgekehrt zu halten, amüsierte ich mich drei Jahre dermaßen, dass meine Liebe für diese Stadt ebenso unausrottbar bleibt wie die für Ihren Argot.“

Just in diese Zeit fällt auch der Entschluss zu promovieren. Walter Serner wendet sich kurz vor seinem 23. Geburtstag im Januar 1912 an die Universität Greifswald und bittet um Informationen über die Bedingungen einer Promotion an der juristischen Fakultät. Wie sich aus dem Promotionsakten ergibt, die im Archiv der Universität Greifswald nach wie vor vorhanden sind, immatrikuliert sich Walter Serner im Sommersemester 1912 für ein Semester an der juristischen Fakultät und wohnt in der Bahnhofstraße 59; dieses Haus existiert auch heute noch. Er belegt die Fächer römisches Recht, Zivilprozess, Kolonialrecht und eine Vorlesung zu psychiatrischen Fällen. Für die Universität Greifswald ist die Promotion ein lohnendes Geschäft. Walter Serner muss nicht nur für die Belegung der Vorlesungen Honorare in Höhe von etwa 60 Reichsmark entrichten, sondern an Promotionsgebühren insgesamt 425 Reichsmark. Rechnet man diesen Betrag in heutige Kaufkraft um, dann hat Walter Serner etwa 2.500 € zuzüglich Unterkunftskosten und Druckkosten für seine Promotion aufwenden müssen –  für einen arbeitslosen Akademiker, der nur ab und zu Aufsätze veröffentlicht, ein stolzer Betrag. Weshalb aber will Walter Serner unbedingt in Greifswald promovieren? Die Promotionsgebühren sind auch im Verhältnis zur Berliner Universität vergleichsweise hoch, hinzu kommen die Aufwendungen für die Fahrt und die Unterkunft.

Der Grund liegt vielleicht in folgendem: Bereits am 26. Juli 1912 reicht Walter Serner seine Dissertation sowie zwei Textarbeiten (Exegesen zur Auslegung von § 110 StGB und § 304 BGB) ein. Die Dissertation liest sich flott, der geübte Schreiber Walter Serner hat einen für damalige Verhältnisse schnörkellosen und verständlichen Stil. Allerdings, der Inhalt. Zwar liest sich Serners Dissertation durchaus flüssig und schlüssig, sie ist aber zu über 80 % abgekupfert, also ein waschechtes Plagiat. Serner hat einfach eine im Jahr 1909 in Leipzig erschienene Dissertation im Wesentlichen abgeschrieben, die sogar fast denselben Titel trägt wie seine eigene. Statt „Die Haftung des Schenkers für Mängel im Rechte und Mängel der verschenkten Sache nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch“ – so der Titel der Dissertation des späteren Dresdener OLG-Richters Arwed Rüling – hat Serner seine Arbeit „Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache nach dem BGB“ genannt. Aufbau und Inhalt beider Dissertationen sowie die Fußnotenapparate sind in weiten Teilen deckungsgleich, Serner verändert lediglich den Sprachstil und die Reihenfolge etwas und setzt noch ein rechtshistorisches Kapitel voran, das mir aufgrund der Fußnotenstruktur aber auch abgeschrieben vorkommt. In seinem Literaturverzeichnis gibt es natürlich keinen einzigen Hinweis auf die Arbeit von Rüling!

Am 26. Juli 1912 erklärt Walter Serner in Greifswald schriftlich folgendes:

„Ich versichere hiermit an Eides statt, dass ich die als Dissertation eingelieferte Arbeit und die beiden Exegesen selbstständig angefertigt und mich keiner anderen als der angegebenen Hilfsmittel bedient habe.“

Damit begibt sich Serner auf vermintes Gelände. Nach § 156 des Reichsstrafgesetzbuchs macht sich strafbar, wer eine falsche eidesstattliche Versicherung vor einer hierfür zuständigen Behörde abgibt. Eine Universität kann eine solche Behörde sein, wie das Reichsgericht bereits im Jahr 1888 festgestellt hat (RGSt 17, 208 ff.; vgl. auch RG DR 1941, 987). Walter Serner droht nun im Entdeckungsfalle eine Gefängnisstrafe von einem Monat bis zu drei Jahren. Serner macht sich damit womöglich für die nächsten fünf Jahre erpressbar, denn erst dann verjährt eine solche Straftat (vgl. § 67 Abs. 2 StGB a.F.). Hat er sich nach Greifswald begeben, weil er sich sicher war, dass sein Plagiat dort nicht aufgedeckt wird? Und was treibt ihn eigentlich dazu, den Doktortitel um den Preis der Gefängnisstrafe anzustreben? Hier kann man nur Vermutungen anstellen.

Am 26. Juli 1912 reicht Serner nicht nur seine Dissertation und die eidesstattliche Versicherung in Greifswald ein, sondern bezahlt vor Ort auf den ersten Teil seiner Promotionsgebühr in Höhe von 85 Reichsmark. So motiviert schlägt sein Doktorvater Pescatore bereits sechs Tage später vor, die Dissertation mit dem Prädikat „diligentiae specimen laudibile“ (mit vorsichtig idealem Lob) zu bewerten, wofür er alsbald die Zustimmung der übrigen Mitglieder des Promotionssausschusses erhält.

In seinem Promotionsverfahren ergeht es Serner zunächst wie bei der ersten Abiturprüfung: er blamiert sich. Bereits am 5. August 1912 findet eine mündliche Doktorprüfung statt. Die Ergebnisse lauten wie folgt: römisches Recht und BGB: sehr schwach, Strafrecht und Prozess: ungenügend, Handelsrecht: nicht genügend. Die Prüfung ist nicht bestanden, Walter Serner ist wieder einmal durchgefallen. Doch er will unbedingt weitermachen und besteht nach erneutem Anlauf am 20. Mai 1913 die zweite mündliche Prüfung. Als Gesamtergebnis einigt sich die Kommission auf Vorschlag des Doktorvaters Pescatore auf ein bescheidenes „rite“. Die Dissertation wird in einem Berliner Verlag günstig gedruckt und Walter Serner erhält am 12. Juli 1913 die damals noch lateinische Promotionsurkunde und den Titel des „doctor utriusque juris“, des Doktors beider Rechte, also des weltlichen und des Kirchenrechts.

Was nutzt ihm sein Doktortitel? Serner hat zunächst nicht vor, als Jurist zu arbeiten, er wird es auch nie tun. Er ist weiterhin in Künstlerkreisen unterwegs. Eine Möglichkeit des Gelderwerbs öffnet der Titel gleichwohl. Walter Serner hat 1913 offensichtlich das Angebot bekommen, einer möglicher Weise etwas schlüpfrigen Veröffentlichung durch seinen Titel zu Seriosität zu verhelfen. Es handelt sich um die Neuauflage eines Klassikers der sozialhygienischen Forschung, Parent-Duchatelets Standardwerk zur Prostitution in Paris von 1836. Dieses Werk soll gekürzt unter dem Titel „Die Sittenverderbnis und Prostitution des weiblichen Geschlechts in Paris unter Napoleon I.“ in dem Berliner Verlag für Sexualwissenschaften und -Literatur Dr. Potthof & Co. erscheinen. Solcher Wissenschaft tut ein seriöser Doktortitel gut, wenn er auch eher an die medizinische als an die juristische Fakultät denken lässt. Im Vorspann wird das Werk angekündigt „Aus dem Französischen des Parent-Duchatelet Durchgesehen von Dr. Walter Serner“, der im Vorwort schreibt:

„Bei der Übersetzung des Werks, das in einem heute veralteten Französisch geschrieben ist, musste sonderlich darauf geachtet werden, … den antiquierten Stilcharakter möglichst wortgetreu nachzuahmen; denn es war nicht aus einem alten Buch ein neues zu machen, vielmehr aus einem neuen ein altes.“

 Das klingt so, als hätte Walter Serner, der nach seiner Promotion im Herbst 1913 nach Paris gefahren war, das Buch selbst übersetzt. Falsch gedacht! Wie in seiner Dissertation hat Serner nur ein bereits vorhandenes Werk gekürzt und sprachlich leicht verändert, nämlich eine bereits 1837 in Leipzig erschienene deutsche Gesamtübersetzung von Dr. G. W. Becker. Ein Hinweis darauf findet sich bei Serners Ausgabe nirgends. So kommt also der durch ein Plagiat erworbene Doktortitel zum ersten Mal zum Einsatz – wiederum bei einem Plagiat.

Nach dem ersten Kapitel mit der Überschrift „Betrug“ nun aber zum Kapitel „Heldentum“. Serner ist seit 1912 befreundet mit dem später berühmt gewordenen Schriftsteller und Dramatiker Franz Jung und seiner Frau. Jung hatte sich – wie viele andere Schriftsteller auch – zu Kriegsbeginn 1914 euphorisch freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, dann aber bald gemerkt, in welche Tötungsmaschinerie er geraten war. Im Dezember 1914 entfernt sich Jung unerlaubt von der Truppe und kommt nach Berlin, wo er Serner und seine Frau trifft. Man ist Jung bereits auf der Spur. Um seine Flucht zu ermöglichen und die Verfolger in die Irre zu leiten, stellt Serner ihm nun ein Attest mit folgendem Inhalt aus:

„Ich bestätige hiermit, dass Herr Franz Jung heute mittag auf der Straße infolge Herzschwäche ohnmächtig wurde und in seine Wohnung gebracht werden musste. Berlin, 14. XII. 14 Dr. W. Serner“.

Damit tritt Serner wiederum konkludent als medizinischer Doktor auf und riskiert einiges, denn das im Krieg befindliche Deutsche Reich reagiert auf derartige Fahnenflucht nicht zimperlich. Jung gelingt mithilfe von Serner zunächst die Flucht nach Wien. Gegen Jungs Frau und Serner ermittelt die Berliner Kriminalpolizei wegen Beihilfe zur unerlaubten Entfernung von der Truppe. Im Januar 1915 wird Serner vorgeladen und auf dem Polizeirevier in Berlin-Schönberg verhört. Seiner drohenden Verhaftung entgeht er durch die Flucht nach Zürich, wo er die kommenden Kriegsjahre verbringen wird. Wenn der Doktortitel auch etwas zweifelhaft erlangt wurde, wird er hier von Serner heldenhaft eingesetzt – zur Rettung seines Freundes unter Inkaufnahme der eigenen Verhaftung. 

Nun zu den weiteren Kapitel künstlerische Schaffenskraft, Ausgrenzung, Liebe und Tod:

Durch den zweifelhaften Einsatz seines in Greifswald erworbenen Doktortitels muss Serner also in die Schweiz emigrieren. In Zürich findet er sich bald im Kreis pazifistischer Schriftsteller und Künstler aus Deutschland und ganz Europa wieder und ist überaus umtriebig. Von seiner Wohnung gibt Serner etwa ein Jahr lang im Eigenverlag den „Sirius“ heraus, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst. Mitarbeiter der Zeitschrift sind u. a. Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler, Max Herrmann-Neisse, illustriert wird von Hans Arp, Alfred Kubin und Pablo Picasso. Der wichtigste mitgestaltende Künstler ist aber der später als Vertreter der neuen Sachlichkeit berühmt gewordene Maler Christian Schad, der in den nächsten zwölf Jahren Serners engster Freund und Vertrauter wird.

1916 gründen im Cabaret Voltaire in Zürich Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und andere den Dadaismus. Im Jahr 1917 schließt sich Serner diesem Kreis an und wird schnell neben Tzara der wichtigste Theoretiker, Propagandist und Organisator des Dada.

Es folgen die 20er Jahre, in denen in rascher Folge sieben Bücher von Walter Serner veröffentlicht werden. 1920 erscheint sein zwischen 1916 und 1918 entstandenes großes Dada-Manifest „Letzte Lockerung“, aus dessen Entwürfen sich Tristan Tzara ungehemmt bedient haben soll. 1921 folgt der erste Band noch im Exil entstandener Kriminalgeschichten „Zum blauen Affen. 33 hahnebüchene Geschichten“. Das Buch wird gut besprochen und verkauft, bald schon wird eine zweite Auflage gedruckt. Auch von diesem Buch soll – so Serners Vorwurf an einen französischen Schriftstellerkollegen – abgeschrieben worden sein. Wie sich zeigen wird, handelt es sich um den einzigen großen Erfolg in seiner Schriftstellerkarriere. Prägend für Serners erzählerisches Werk ist neben dem Faible für aktuelle Kunst, der Freude am Wagnis und der treffenden Formulierung auch die eingehende Beschäftigung mit der Halbwelt, die Serner in seinen vielen Reisen in die europäischen Großstädte (u. a. Wien, Paris, Barcelona, Prag, München, Berlin, Rom, Neapel und London) kennenlernt. Er macht sie auch zu den Schauplätzen seiner insgesamt 99 erotischen Kriminalgeschichten, in denen in bis dahin unbekannt realistischer Art und Weise das Milieu der Hochstapler, Zuhälter, Prostituierten, Schieber und Cocainisten beschrieben wird. 

Über seine Promotion schreibt Serner in dieser Zeit, viele Jahre nach Überreichung der Urkunde, folgendes:

„Es hat mir lange Zeit hindurch sehr genützt. Denn ich entschloss mich bald darauf, keine vorgeschriebene Laufbahn zu ergreifen, sondern in Europa spazieren zu fahren. Der Familienvater, der merkt, dass einer keinen bürgerlichen Lebenswandel hat, ist im Allgemeinen sofort davon überzeugt, dass ein ungesetzlicher geführt wird. Das weite Feld der Möglichkeiten, das zwischen diesen beiden Polen liegt, vermöchte ihn nur eine hemmungslose Phantasie zu zeigen. Der Doktortitel nun verzögert jene Überzeugung, indem er die Phantasie zivil anregt.“

Aus Werbegründen wird Serner von seinem Verleger indes nicht als promovierter Jurist, sondern als „kontinental berüchtigter internationaler Hochstapler“ angepriesen. Auf eine Anfrage schreibt der Verleger:

„Seine Adresse werden sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehrjahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer öffentlicher Häuser in Argentinien.“

Diese von dem Schriftsteller Theodor Lessing 1925 in seinem Serner-Artikel „Der Maupassant der Kriminalistik“ veröffentlichte Mitteilung prägt lange Zeit das Serner-Bild. Nichts davon ist wahr. Serner reist zwar viel und beobachtet auch das von ihm beschriebene Milieu der Halbwelt mit scharfem Blick. Er selbst ist aber häufig so abgebrannt, dass er bisweilen seinen einzigen Anzug versetzen muss und tagsüber im Bett liegt, um am Essen zu sparen. Als Schriftsteller beginnen überaus produktive Jahre, aber die Zeitläufte sind gegen ihn. Mitten in der Weltwirtschaftskrise 1923 erscheint der zweite Band mit erotischen Kriminalgeschichten („Der Elfte Finger“), der Großteil der Auflage bleibt unverkauft. Anfang 1925 kommt bei einem neuen Verlag der erste Roman auf den Markt: „Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte“ (1992 verfilmt). Es folgt beim selben Verlag ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Der Pfiff um die Ecke“). Beide Bücher werden in Teilen Deutschlands wegen „Gefährdung der Sittlichkeit“ vorübergehend verboten, was für eine gewisse Reklame und guten Absatz sorgt. Auch häufen sich positive Besprechungen der Werke in den Feuilletons. Der neu gewählte Verlag meldet aber schon 1925 Konkurs an. Zudem hetzt die deutschnationale Presse unverhohlen antisemitisch gegen Serner und den ihn lobenden Theodor Lessing, beide jüdischer Herkunft. Alfred Rosenbergs Artikel aus dem Jahr 1925 endet mit den Worten „Leben heißt für den Juden: Moder schaffen und als Wurm in ihm wirken.“ So wird der Grundstein für späteres Morden gelegt.

Die letzten Werke Serners (und eine siebenbändige Kassette mit dem Gesamtwerk) erscheinen im Jahr 1927: Ein nur einmal in Berlin aufgeführtes und anschließend von der Polizei verbotenes Theaterstück („Posada oder Der große Coup im Hotel Ritz - Ein Gauner-Stück in drei Akten“; auch hieraus soll abgekupfert worden sein…), ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Die tückische Straße“) sowie eine wesentlich erweiterte zweite Auflage der „Letzten Lockerung“ mit dem Zusatz „Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“. In dem Handbrevier verarbeitet Serner seine Erfahrungen mit Reisen, Hotels, Menschen und sich selbst zu 591 kurzen Sentenzen, die in ihrer Scharfsinnigkeit, Menschenklugheit und ihrem subtilen Witz bis heute ihresgleichen suchen. Drei kurze Beispiele aus den Rubriken „Menschenkenntnis“ und „Elementares“:

Nr. 92 „Wortkarge Menschen sind im allgemeinen schwer zu behandeln. Behandle sie gar nicht; sie werden die Sprache wiederfinden.“

Nr. 74 „Redet einer beim Zuschnüren seiner Stiefel über Buddha, so kannst du ihn augenblicklich erfolgreich anpumpen.“

Nr. 1 „Es gibt im Grunde weder Herren noch Diener. Sklaven ihrer Fähigkeiten und Temperamente sind alle. Bleibt dir das stets bewusst, so wird es dir nicht schwer sein, dich und andere zu lenken.“

Nach diesem großen Finale zieht sich Serner ins Privatleben zurück. Im Jahr 1931 gibt es einen weiteren erfolglosen Versuch, seinen freizügigen Roman „Die Tigerin“ zu verbieten, der aber aufgrund des Einsatzes von Alfred Döblin und Ernst Rowohlt noch scheitert. 1933 werden schließlich sämtliche Werke Serners verboten, seine Bücher verbrannt, die erheblichen Auflagenreste beschlagnahmt und vernichtet. Was Walter Serner in den 15 Jahren von Ende 1927 bis 1942 macht, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren, es gibt nur wenige Hinweise auf Meldezetteln und in amtlichen Dokumenten. Serner reist wohl mit seiner aus Berlin stammenden Lebens- und Liebesgefährtin Dorotea Herz in Europa umher. Im Jahr 1938 lässt sich Serner schließlich mit seiner Gefährtin in Prag nieder, wo beide auch heiraten  (dies zum Thema Liebe). Amtliche Dokumente weisen ihn als Sprachenlehrer, sie als Hausfrau aus. Der einsetzenden Judenverfolgung versucht Serner durch den Antrag auf Ausreise zu entgehen – vergeblich; der letzte Existenznachweis ist der Transportschein in den Tod. Seine letzte Reise geht erzwungener Maßen von Prag über das Lager Theresienstadt nach Riga, wo Walter Serner, seine Frau und alle andern 998 Mitglieder dieses Transports am 23. August 1942 im Wald von Biernicki in kurz zuvor ausgehobenen Sandgruben erschossen werden. Niemand hat diesen Transport überlebt.  

Wie wäre es Walter Serner wohl ohne seinen Doktortitel ergangen? Er hätte ohne Doktortitel sicher nie das zweideutige Attest für Franz Jung ausstellen können. Wäre er auch dann in die Schweiz gekommen und Dadaist geworden? Oder wäre er in Berlin geblieben, hätte sich verliebt, wäre emigriert und hätte den Holocaust überlebt? Wir werden es nie wissen. Gewiss ist aber, dass er zwar seine Dissertation abgeschrieben hat, aber gleichwohl ein mutiger und bemerkenswerter Mensch war, der sich zur Hochstapelei selten freimütig bekannt hat – und sich nicht nur in diesem Punkt wesentlich von Plagiatoren wie gewissen Freiherren unterscheidet.

Walter Serner letztes Werk „Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“ endet mit folgender „Schlussnummer“:

„Die Welt will betrogen sein, gewiss. Sie wird aber sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust.“

Weil ich Sie als Strafrichter mit dieser Botschaft kaum in Ihr weiteres Leben – für das ich Ihnen alles Gute wünsche! – entlassen darf, zum Schluss noch eine weitere Sentenz aus der „Letzten Lockerung“, die vielleicht besser passt:

„Du wirst immer wieder Erfolg haben, wenn Du nie außer Acht lässt, dass nicht der Glaube an ihn ihn zwingt, sondern dessen Verachtung.“

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Richter am Bundesgerichtshof

Prof. Dr. Andreas Mosbacher