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Walter Serner Zürich 1918Walter Serner Zürich 1918

 

Verwegener Tausendrasta– Erinnerung an den

Schriftsteller Walter Serner

 

Zürich, Rämistraße, 1918: Ein hochgewachsener knapp 30jähriger schlanker Mann steht im zugeknöpften grauen Anzug mitten auf der kaum bevölkerten Straße, den Kragen mit schmalem Krawattenknoten hochgebunden. Nur wenige Fußgänger sind zu sehen, kein Automobil. Es ist ein sonniger Sommertag, im Hintergrund sind die Jalousien der traditionsreichen Kronenhalle heruntergelassenen. Der flache Strohhut verdeckt die hohe Stirn mit den tiefen Geheimratsecken, das scharf gezeichnete schmale Gesicht mit gerader Nase und randloser Brille. Die rechte Hand hält bestimmt einen Stock, die linke steckt lässig in der Hosentasche. Der entschlossene Blick geht aufwärts gerichtet in Richtung des Grand Café Odeon.

 

Der hier als flanierender Dandy posiert, ist heute weithin vergessen. Es ist der Schriftsteller und Dadaist Walter Serner. Seine Fotografin hat es indes zu einiger Berühmtheit gebracht, die 50-Franken-Note ziert ihr Bild: Sophie Taeuber-Arp, die heute zu den prägendsten Gestalten der klassischen modernen Kunst zählt. Beide sind fast am gleichen Tag geboren, er am 15. Januar 1889 in Karlsbad als zweites Kind des Zeitungsverlegers Berthold Seligmann, sie am 19. Januar 1889 in Davos. Beide werden nur 53 Jahre alt und im Abstand weniger Monate sterben. Sie kann sich mit ihrem Mann Hans Arp zunächst dem Einmarsch deutscher Truppen in ihren damaligen Wohnort Grasse durch die Flucht in die Schweiz entziehen, stirbt aber nur kurze Zeit später am 13. Januar 1943 in Zürich an einer ofenbedingten Kohlenmonoxidvergiftung. Walter Serner, der aus einer jüdischen Familie stammt und unter Namensänderung mit 20 Jahren zum Katholizismus konvertierte, ereilt hingegen das Schicksal von Millionen seiner Leidensgenossen. Er wird im Rahmen der von den deutschen Nationalsozialisten im Januar 1942 auf der Wannseekonferenz organisierten „Endlösung der Judenfrage“ nach Jahren beschämender Ausgrenzung im August 1942 von Prag zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dann wenige Tage später mit dem Zug weiter nach Riga geschickt. Dort wird er mit seiner Frau und allen anderen 998 Deportierten dieses Transports am 23. August 1942 in den Wäldern von Bikernieki in bereits ausgehobenen Massengräbern erschossen.

 

In die Schweiz kommt Walter Serner im Februar 1915 wie viele andere Künstler, um der Einberufung in die Kriegsmaschinerie des 1. Weltkriegs zu entgehen. Zudem hatte er dem expressionistischen Schriftsteller Franz Jung Ende 1914 in Berlin mit einem zweideutigen Attest zur (strafbaren) Flucht von dessen Truppenteil verholfen und war deshalb im Januar 1915 von der Kriminalpolizei vernommen worden. In dem Attest bescheinigt Serner dem kriegsunwilligen Jung einen Zusammenbruch aufgrund Herzschwäche und macht sich die Zweideutigkeit seines Doktortitels zu Nutze. Tatsächlich hat Serner mit Medizin nichts zu tun, sondern 1913 mit einer juristischen Arbeit zum doctor utriusque juris promoviert. Dem kunstinteressierten Publikum war er bis dahin durch verschiedene feuilletonistische Artikel in der von seinem Vater herausgegebenen Karlsbader Zeitung und der berühmten Berliner Zeitschrift „Aktion“ bekannt geworden. In Zürich angekommen ist Serner überaus umtriebig. Von seiner Wohnung in der Stapfergasse 21 gibt Serner ab Oktober 1915 im Eigenverlag den „Sirius“ heraus, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst, die es bis Mai 1916 auf 8 Nummern bringen wird. Mitarbeiter der Zeitschrift sind u. a. Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler, Max Herrmann-Neisse, illustriert wird von Hans Arp, Alfred Kubin und Pablo Picasso. Der wichtigste mitgestaltende Künstler ist aber der später als Vertreter der neuen Sachlichkeit berühmt gewordene Maler Christian Schad, der in den nächsten zwölf Jahren Serners engster Freund und Vertrauter wird.

 

Das Jahr 1915 wird auch für Sophie Taeuber zum Schlüsseljahr. Sie lernt in Zürich ihren späteren Mann Hans Arp kennen, der 1916 im Cabaret Voltaire mit Hugo Ball, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck den Dadaismus in Zürich gründet. Im Jahr 1917 schließt sich Serner diesem Kreis an und wird schnell neben Tzara der wichtigste Theoretiker, Propagandist und Organisator des Dada. So lernen sich Walter Serner und Sophie Taeuber kennen, zwei der innovativsten Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie tanzt im Cabaret Voltaire und der „Galerie Dada“, er trägt Teile seines dadistischen Manifests und Gedichte vor. Dann trennen sich ihre Kreise bald wieder. Serner siedelt 1919 nach Genf über, wohnt dort bei Christian Schad und setzt mit diesem sein Dada-Engagement fort („Grand Bal Dada“, „Salon Dada“). Von wechselnden Liebesbekanntschaften beider in dieser Zeit berichtet Schad in seinem Buch „Relative Realitäten. Erinnerungen um Walter Serner.“ Er beschreibt eine Szene, wie sie auch aus den Geschichten Serners stammen könnte: Wie sich Serner in die junge holländische Gespielin eines distinguierten älteren Herren verliebt, heimlich in ihr Zimmer im Hotel Beau Rivage schleicht und geistesgegenwärtig unter der Bettdecke verharrt, als der alte Herr seiner angeblich mit Kopfweh geschlagenen Geliebten eine keuschen Gutenachtkuss auf die Stirn drückt.

 

Es folgen die 20er Jahre, in denen in rascher Folge sieben Bücher von Walter Serner veröffentlicht werden. Im Verlag Paul Steegemann erscheint 1920 sein zwischen 1916 und 1918 entstandenes großes Dada-Manifest „Letzte Lockerung“, aus dessen Entwürfen sich Tristan Tzara ungehemmt bedient haben soll. 1921 folgt im selben Verlag der erste Band noch im Exil entstandener Kriminalgeschichten „Zum blauen Affen. 33 hahnebüchene Geschichten“. Das Buch wird gut besprochen und verkauft, bald schon wird eine zweite Auflage gedruckt. Wie sich zeigen wird, handelt es sich allerdings um den einzigen großen Erfolg in seiner Schriftstellerkarriere. Prägend für Serners erzählerisches Werk ist neben dem Faible für aktuelle Kunst, der Freude am Wagnis und der treffenden Formulierung auch die eingehende Beschäftigung mit der Halbwelt, die Serner in seinen vielen Reisen in die europäischen Großstädte (Wien, Paris, Barcelona, Prag, München, Berlin, Rom, Neapel und London sind die wohl wichtigsten Stationen) kennenlernt. Er macht sie auch zu den Schauplätzen seiner insgesamt 99 erotischen Kriminalgeschichten, in denen in bis dahin unbekannt realistischer Art und Weise das Milieu der Hochstapler, Zuhälter, Prostituierten, Schieber und Cocainisten beschrieben wird.  

 

Aus Werbegründen wird Serner von seinem Verleger als „kontinental berüchtigter internationaler Hochstapler“ angepriesen. Auf eine Anfrage schreibt Steegemann: „Seine Adresse werden sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehrjahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer öffentlicher Häuser in Argentinien.“ Diese von Theodor Lessing 1925 in seinem Serner-Artikel „Der Maupassant der Kriminalistik“ veröffentlichte Mitteilung prägt lange Zeit das Serner-Bild. Nichts davon ist wahr. Serner reist zwar viel und beobachtet auch das von ihm beschriebene Milieu der Halbwelt mit scharfem Blick. Er selbst ist aber häufig so abgebrannt, dass er bisweilen seinen einzigen Anzug versetzen muss und tagsüber im Bett liegt, um am Essen zu sparen. Als Schriftsteller beginnen überaus produktive Jahre, aber die Zeitläufte sind gegen ihn. Mitten in der Weltwirtschaftskrise 1923 erscheint der zweite Band mit erotischen Kriminalgeschichten („Der Elfte Finger“), der Großteil der Auflage bleibt unverkauft. Anfang 1925 kommt beim Elena Gottschalk Verlag der erste Roman auf den Markt: „Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte“. Es folgt beim selben Verlag ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Der Pfiff um die Ecke“). Beide Bücher werden in Teilen Deutschlands wegen „Gefährdung der Sittlichkeit“ verboten, was für eine gewisse Reklame und guten Absatz sorgt. Auch häufen sich positive Besprechungen der Werke in den Feuilletons. Der neu gewählte Verlag meldet aber schon 1925 Konkurs an. Zudem hetzt die deutschnationale Presse unverhohlen antisemitisch gegen Serner und den ihn lobenden Theodor Lessing, Alfred Rosenbergs Artikel aus dem Jahr 1925 endet mit den Worten „Leben heißt für den Juden: Moder schaffen und als Wurm in ihm wirken.“ So wird der Grundstein späteren Mordens gelegt.

Die letzten Werke Serners (und eine siebenbändige Kassette mit dem Gesamtwerk) erscheinen im Jahr 1927 wieder beim Steegemann Verlag: Ein nur einmal in Berlin aufgeführtes und anschließend von der Polizei verbotenes Theaterstück („Posada oder Der große Coup im Hotel Ritz - Ein Gauner-Stück in drei Akten“), ein weiterer Band mit Kriminalgeschichten („Die tückische Straße“) sowie eine wesentlich erweiterte zweite Auflage der „Letzten Lockerung“ mit dem Zusatz „Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“. In dem Handbrevier verarbeitet Serner seine Erfahrungen mit Reisen, Hotels, Menschen und sich selbst zu 591 kurzen Sentenzen, die in ihrer Scharfsinnigkeit, Menschenklugheit und ihrem subtilen Witz bis heute ihresgleichen suchen. Nach diesem großen Finale zieht sich Serner ins Privatleben zurück. Im Jahr 1931 gibt es einen weiteren erfolglosen Versuch, seinen freizügigen Roman „Die Tigerin“ zu verbieten, der aber aufgrund des Einsatzes von Alfred Döblin und Ernst Rowohlt noch scheitert. 1933 werden schließlich sämtliche Werke Serners verboten, seine Bücher verbrannt, die erheblichen Auflagenreste beschlagnahmt und vernichtet. Was Walter Serner in den 15 Jahren von Ende 1927 bis 1942 macht, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren, es gibt nur wenige Hinweise auf Meldezetteln und in amtlichen Dokumenten. Serner reist wohl mit seiner aus Berlin stammenden Gefährtin Dorotea Herz in Europa umher. Die letzte überlieferte Begegnung findet 1933 in Prag mit einem früheren Karlsbader Nachbarn statt. Im Jahr 1938 lässt sich Serner schließlich mit seiner Gefährtin in Prag nieder, wo beide auch heiraten. Amtliche Dokumente weisen ihn als Sprachenlehrer, sie als Hausfrau aus. Der einsetzenden Judenverfolgung versucht Serner durch den Antrag auf Ausreise zu entgehen – vergeblich; der finale Existenznachweis ist der Transportschein in den Tod. Sein letztes Werk, die stark überarbeitete zweite Auflage der „Letzten Lockerung“, endet mit folgendem Fazit: „Als sehr verwegner Tausend-Rasta – sei nicht zu wild und nicht zu wüst. Es kommt für jeden Mal das Basta. Drum achte drauf, dass man dich grüßt.“

 

Andreas Mosbacher

(NZZ Literatur und Kunst 30.11.13 / Nr. 279 / Seite 62)